Mikronährstoffe & Co

Selen: Schilddrüse, Immunsystem und warum der Boden entscheidet

Selen wird für Schilddrüse, Immunsystem, Zellschutz und Fruchtbarkeit gebraucht. Was die EFSA empfiehlt, warum der Boden über den Gehalt entscheidet, welche Lebensmittel liefern — und wo die Grenze zwischen Mangel und Überdosierung liegt.

Vera von Petzinger18 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

4 Gedanken, die dieser Beitrag begründet.

  • Selen wird in rund 25 Selenoproteine eingebaut. Die EFSA hat vier Wirkungen bestätigt: normale Schilddrüsenfunktion, normale Funktion des Immunsystems, Schutz der Zellen vor oxidativem Stress und normale Spermatogenese.
  • Die angemessene Zufuhr liegt bei 70 µg am Tag, die Obergrenze seit 2023 bei 255 µg. Der Abstand ist klein — Selen gehört zu den wenigen Nährstoffen, bei denen eine Überdosierung realistisch ist.
  • Ob Gemüse und Getreide Selen liefern, entscheidet der Boden. In Europa ist er arm, deshalb sind hier Fleisch, Fisch, Eier und Milch die zuverlässigeren Quellen.
  • Bei Hashimoto kann Selen die TPO-Antikörper und das TSH senken. Die Evidenz ist moderat, wirksame Dosen liegen bei 100 bis 200 µg — das gehört in ärztliche Begleitung.

70 µg

am Tag gelten für Erwachsene laut EFSA als angemessene Zufuhr

255 µg

beträgt die Obergrenze für die Gesamtzufuhr — 2023 von 300 auf 255 µg gesenkt

≈ 25

Selenoproteine sind im menschlichen Erbgut bekannt

bis 1 Mrd.

Menschen weltweit sind von einer unzureichenden Selenaufnahme betroffen

Selen ist ein Spurenelement, das der Körper nicht selbst bilden kann. Es steckt in rund 25 Proteinen, den Selenoproteinen, und ohne sie läuft wenig: Sie schützen die Zellen vor oxidativem Stress, stellen die Schilddrüsenhormone scharf und sind an Immunabwehr und Spermienbildung beteiligt.

Zugleich ist Selen in größeren Mengen giftig. Der Abstand zwischen der empfohlenen Zufuhr und der Obergrenze ist kleiner als bei fast jedem anderen Nährstoff. Das ist kein Grund zur Sorge, aber ein guter Grund, genauer hinzuschauen: Woher kommt das Selen, wie viel ist es, und braucht es überhaupt eine Ergänzung?

Wofür der Körper Selen braucht

Selen wird als Aminosäure Selenocystein in Proteine eingebaut. Der Körper kann Selenocystein nicht selbst herstellen — er braucht dafür Selen aus der Nahrung. Im menschlichen Erbgut sind rund 25 Gene bekannt, die solche Selenoproteine bauen. Vier Gruppen sind besonders wichtig:

  • Glutathionperoxidasen (GPx) bauen Wasserstoffperoxid und Fettperoxide ab und schützen so Zellmembranen und Erbmaterial.
  • Thioredoxinreduktasen (TrxR) halten das Redoxgleichgewicht in der Zelle und unterstützen die Eiweißfaltung.
  • Iodothyronin-Deiodinasen (DIO) wandeln das Schilddrüsenhormon T4 in die wirksame Form T3 um.
  • Selenoprotein P (SELENOP) ist das Transportprotein im Blut. Es verteilt Selen im Körper, mit Vorrang für Gehirn und Hoden.

Fällt Selen weg, sinkt zuerst die Aktivität dieser Proteine. Erst danach entstehen die Krankheitsbilder, die man mit einem ausgeprägten Mangel verbindet.

Selen und die Schilddrüse

Die Schilddrüse gehört zu den selenreichsten Organen des Körpers. Sie braucht Selen an zwei ganz verschiedenen Stellen.

T4 wird erst mit Selen zu T3

Die Schilddrüse bildet vor allem T4, die Speicher- und Transportform des Hormons. Wirksam wird erst T3, und dafür muss ein Jodatom abgespalten werden. Diese Reaktion erledigen die Deiodinasen, und in ihrem Zentrum sitzt Selen.

Der Körper priorisiert dabei: Die Deiodinasen in der Schilddrüse werden lange bevorzugt mit Selen versorgt, deshalb hält die Umwandlung bei mäßigem Mangel oft noch stand. Deutlicher wird der Engpass zuerst beim Schutz vor oxidativem Stress. Erst bei stärkerem Selenmangel wird auch T4 nicht mehr ausreichend in T3 umgewandelt — das T4 staut sich, das TSH kann dabei erstaunlich unauffällig aussehen, während sich die Betroffenen müde und ausgebremst fühlen. Wie Jod, Selen und Eisen in dieser Kette zusammenspielen, steht ausführlich im Beitrag Use it or lose it.

Selen schützt die Drüse vor ihrem eigenen Betrieb

Bei der Hormonproduktion entsteht in der Schilddrüse Wasserstoffperoxid — eine aggressive Verbindung, die die Zelle schädigen kann. Selenabhängige Enzyme, vor allem die Glutathionperoxidasen, fangen sie ab. Fehlt Selen, steigt der oxidative Stress im Gewebe. Genau dieser Mechanismus gilt als eine der Brücken zwischen Selenmangel und Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse.

Und bei Hashimoto?

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem greift das Schilddrüsengewebe an und zerstört es nach und nach. Selen ersetzt das zerstörte Gewebe nicht und heilt die Erkrankung nicht. Es kann aber die Entzündungsaktivität beeinflussen. Die wichtigsten Befunde:

  • In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie an 70 Frauen mit Autoimmunthyreoiditis sank die TPO-Antikörper-Konzentration unter 200 µg Natriumselenit täglich nach drei Monaten auf 63,6 % — in der Placebogruppe blieb sie unverändert. Bei 9 von 36 Frauen normalisierten sich Antikörper und Ultraschallbild, in der Placebogruppe bei 2 von 34. Die Schilddrüsenhormonwerte änderten sich nicht.
  • Eine Meta-Analyse von 35 randomisierten Studien aus dem Jahr 2024 bestätigt den Trend: Selen senkte die TPO-Antikörper deutlich und, bei Menschen ohne Hormonersatz, auch das TSH leicht. Unerwünschte Wirkungen waren vergleichbar mit der Kontrollgruppe, die Sicherheit der Evidenz wurde als moderat eingestuft. Dosen über 100 µg am Tag schnitten besser ab; der stärkste Effekt zeigte sich bei 200 µg.

Zwei Einschränkungen gehören dazu, sonst liest sich das wie eine Therapieempfehlung. Erstens ist die Senkung der Antikörper ein Laborwert — ob sie den Verlauf der Erkrankung aufhält, ist damit nicht bewiesen. Zweitens liegt eine Dosis von 200 µg nah an der Obergrenze von 255 µg. Wer Selen bei Hashimoto nimmt, sollte seinen Status kennen und die Entscheidung ärztlich begleiten. Mehr zum Hintergrund steht im Beitrag Autoimmun-Erkrankungen.

Selen und das Immunsystem

Die EFSA hat 2009 eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen der Selenaufnahme und der normalen Funktion des Immunsystems anerkannt. Im EU-Register der zugelassenen Aussagen steht deshalb der Satz: „Selen trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.“

Dahinter stehen die Selenoproteine in den Immunzellen. Selen unterstützt die Vermehrung aktivierter T-Zellen, die Aktivität der natürlichen Killerzellen und die Antikörperbildung. Fehlt Selen, arbeitet die Abwehr schlechter.

Die EFSA hat in derselben Stellungnahme aber auch festgehalten, dass die vorgelegten Daten nicht belegen, dass eine unzureichende Selenaufnahme, die die Immunfunktion beeinträchtigt, in der allgemeinen Bevölkerung der EU vorkommt. Die Aussage beschreibt also eine Funktion — sie verspricht nicht, dass eine Ergänzung Infekte verhindert. Wie Vitamin D in dieses Bild passt, steht im Beitrag Vitamin D ist elementar wichtig.

Selen als Zellschutz

Die Glutathionperoxidasen und Thioredoxinreduktasen sind das antioxidative Grundgerüst der Zelle. Sie neutralisieren reaktive Sauerstoffverbindungen, bevor diese DNA, Eiweiße und Fette schädigen. Auch hierfür hat die EFSA eine Ursache-Wirkungs-Beziehung anerkannt: „Selen trägt zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress bei.“

Wichtig ist die Richtung des Zusammenhangs. Oxidativer Stress entsteht nicht nur bei zu wenig Selen — zu viel Selen kann selbst oxidativ wirken. Überschüssige Selenverbindungen können Redoxreaktionen ankurbeln und Zellen schädigen. Selen ist damit ein Musterbeispiel für eine U-förmige Dosis-Wirkung: Nach oben und nach unten wird es problematisch, brauchbar ist das mittlere Fenster.

Selen und die Fruchtbarkeit

Die EFSA hat auch die Aussage anerkannt, dass Selen zu einer normalen Spermatogenese beiträgt. Das Selenoprotein GPx4 sitzt in der Mitochondrienhülle des Spermienmittelstücks und ist für die Beweglichkeit der Spermien entscheidend. Selenoprotein P liefert den Hoden das Selen; das Spermaplasma enthält vergleichsweise viel davon.

  • Bei Männern mit unerklärlicher Unfruchtbarkeit ist der Selengehalt im Spermaplasma häufig niedriger als bei fruchtbaren Männern, und er korreliert mit der Spermienbeweglichkeit.
  • In randomisierten Studien verbesserte eine Gabe von 100 bis 200 µg Selen über drei Monate vor allem die Motilität — in mehreren Studien auch die Konzentration oder die Form der Spermien. Kombinationen aus Selen und Vitamin E verbesserten in einer großen offenen Studie die Samenqualität und die spontane Schwangerschaftsrate.
  • Eine Meta-Analyse von 2025 fand jedoch nur für die Gesamtmotilität einen gesicherten Effekt und keinen klaren Einfluss auf Schwangerschaft und Lebendgeburt. Die Sicherheit der Evidenz war gering.

Bei Frauen ist der Zusammenhang indirekter: Eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion oder eine Hashimoto-Thyreoiditis kann den Zyklus und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Selen wirkt hier über die Schilddrüse, nicht als Fruchtbarkeitsmittel. Welche Rolle die Schilddrüse in der Fortpflanzung spielt, steht im Beitrag Unfruchtbarkeit und künstliche Befruchtung.

Selen in Lebensmitteln — und warum der Boden entscheidet

Bei keinem anderen Spurenelement ist der Weg vom Boden zum Teller so direkt.

Pflanzen nehmen Selen aus dem Boden als Selenat oder Selenit auf und bauen es als Selenomethionin in ihre Eiweiße ein. Tiere fressen diese Pflanzen und reichern Selen als Selenomethionin und Selenocystein in Muskeln und Organen an. Daraus folgt: Pflanzliche Lebensmittel spiegeln den Selengehalt ihres Bodens, tierische Lebensmittel spiegeln das Futter.

Was den Selengehalt im Boden bestimmt

Selen ist ein Gesteinselement. Es gelangt über verwitterndes Ausgangsgestein in den Boden, und wie gut es dort festgehalten wird, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • pH-Wert und Redoxpotenzial: In sauren, sauerstoffarmen Böden bindet Selen gut an Bodenpartikel. In trockenen, basischen Böden bleibt es wasserlöslich und wird rasch ausgewaschen.
  • Ton und organischer Kohlenstoff: Tonreiche Böden halten Selen besser als sandige.
  • Niederschlag: Viel Regen wäscht Selen aus — außer der Boden ist dabei so nass, dass er sauer und sauerstoffarm wird und das Selen festhält.

Über große Teile Europas ist der Boden selenarm. Genannt werden vor allem Deutschland, Dänemark, Schottland, Finnland und einige Balkanländer. In Teilen Chinas war der Mangel so ausgeprägt, dass dort eigene Mangelerkrankungen beschrieben wurden. Der Kontrast zu den USA ist deutlich: Auf deutschen Ackerböden liegt der Selengehalt in einer Größenordnung von Zehntel Milligramm pro Kilogramm, auf amerikanischen Böden kann er ein Vielfaches davon erreichen.

Ein Land hat die Konsequenz gezogen: Finnland reichert seit 1984 seinen landwirtschaftlichen Dünger mit Natriumselenat an. Der Selengehalt von Getreide und die Versorgung der Bevölkerung stiegen daraufhin deutlich. Ein Vorbild ist das nur bedingt — der Effekt der Düngung ist schwer zu steuern, und für Bio-Betriebe sind selenhaltige Dünger nicht zugelassen.

Warum tierische Lebensmittel in Europa zuverlässiger sind

In der EU darf Tierfutter mit Selen ergänzt werden. Deshalb schwanken die Selenwerte von Fleisch, Eiern und Milch hierzulande weniger stark als die pflanzlicher Lebensmittel, und tierische Produkte sind in Europa die verlässlicheren Selenquellen. Fisch nimmt Selen über die Nahrungskette des Wassers auf, Seefisch ist deshalb ebenfalls eine gute Quelle.

Für pflanzliche Lebensmittel gilt: Es gibt sie, aber ihr Gehalt hängt an der Herkunft. Unter den Pflanzen reichern Kohlarten, Zwiebelgemüse, Pilze, Spargel und Hülsenfrüchte Selen vergleichsweise gut an, dazu die Paranuss, die den stärksten Selenakkumulator überhaupt darstellt.

Dazu kommt ein langfristiger Effekt: Der Klimawandel verändert Böden und Niederschläge. Modellrechnungen sagen bis zum Ende des Jahrhunderts einen durchschnittlichen Selenverlust von rund 9 % auf etwa zwei Dritteln der landwirtschaftlichen Nutzfläche voraus, besonders in Europa und Indien. Schon heute nehmen schätzungsweise bis zu einer Milliarde Menschen zu wenig Selen auf.

Selen in Lebensmitteln: eine Übersicht

Die Werte stammen aus der US-amerikanischen Nährwertdatenbank. Sie gelten für 100 g essbaren Anteil. Bei pflanzlichen Lebensmitteln sind sie nur Anhaltspunkte: Je nach Herkunft können sie um ein Mehrfaches nach oben oder unten abweichen.

LebensmittelSelen je 100 g
Paranuss1917 µg
Austern, gekocht154 µg
Lammleber, gekocht116 µg
Thunfisch, gekocht108 µg
Sardinen, Dose53 µg
Sonnenblumenkerne53 µg
Schweinelende, gekocht45 µg
Ei31 µg
Hühnerbrust, gekocht28 µg
Rindfleisch, gekocht27 µg
Knoblauch14 µg
Linsen, gekocht3 µg
Milch2 µg
Brokkoli2,5 µg

Zwei Zahlen daraus sind praktisch wichtig. Ein einzelnes Hühnerei von etwa 50 g liefert rund 15 µg Selen, ein 150-g-Stück magerer Seefisch wie Kabeljau liegt je nach Art und Herkunft in der Größenordnung von 50 µg. Und eine einzige Paranuss kann mit 70 bis 95 µg bereits den Tagesbedarf eines Erwachsenen decken. Ihr Gehalt schwankt allerdings von Herkunft zu Herkunft um Größenordnungen — und eine Handvoll davon kann den Bedarf um ein Mehrfaches überschreiten, dazu gleich mehr.

Mangel und Überdosierung

Der Mangel

Ein schwerer Selenmangel ist in Europa selten. Er ist vor allem aus Regionen bekannt, in denen der Boden extrem selenarm ist. Dort treten zwei Krankheitsbilder auf, die beide nach Orten in China benannt sind: die Keshan-Krankheit, eine Herzmuskelerkrankung, und die Kashin-Beck-Krankheit, eine Gelenk- und Knorpelerkrankung bei Kindern. In Ländern mit ausreichender Versorgung kennt man sie nicht.

In Europa liegt das Problem nicht im schweren Mangel, sondern in einer niedrigen Zufuhr ohne akute Krankheit. Die geschätzte mediane Zufuhr liegt in mehreren EU-Ländern unter der Empfehlung, ohne dass daraus regelmäßig Krankheitsfälle entstehen. Ein erhöhtes Risiko für eine echte Unterversorgung tragen vor allem Menschen mit:

  • chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Zöliakie,
  • Mukoviszidose,
  • chronischer Niereninsuffizienz und Dialyse,
  • langfristiger künstlicher Ernährung,
  • veganer Ernährung ohne bewusste Auswahl selenreicher pflanzlicher Lebensmittel.

Milde Zeichen wie Müdigkeit, Haarausfall oder brüchige Nägel sind unspezifisch und lassen sich nicht dem Selen zuordnen. Ein Mangel wird deshalb nicht an den Symptomen erkannt, sondern gemessen.

Die Überdosierung

Hier liegt die eigentliche Besonderheit des Selens. Die EFSA hat die Obergrenze im Jahr 2023 von 300 auf 255 µg pro Tag gesenkt — gerechnet über alle Quellen und ausdrücklich auch für Schwangere und Stillende. Grundlage war eine große US-Studie, in der ab etwa 330 µg am Tag vermehrt Haarausfall auftrat. Haarausfall gilt als frühestes verlässliches Zeichen einer überhöhten Zufuhr; daraus wurde mit einem Sicherheitsfaktor die Obergrenze abgeleitet.

Ein ausgeprägter Überschuss, die Selenose, äußert sich in:

  • knoblauchartigem Geruch von Atem und Schweiß,
  • Haarausfall und brüchigen Nägeln,
  • Übelkeit, Durchfall und Bauchschmerzen,
  • Nervosität, Reizbarkeit und in schweren Fällen neurologischen Auffälligkeiten.

Die Hauptquellen einer zu hohen Zufuhr sind hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel und der regelmäßige Verzehr größerer Mengen Paranüsse. Ein 200-µg-Präparat plus eine normale Ernährung liegt bereits in der Nähe der Obergrenze. Dass Selen in der Nahrung normalerweise unproblematisch ist, heißt also nicht, dass eine Ergänzung in jeder Dosis harmlos ist.

U-förmige Dosis-Wirkung von Selen: Bei zu wenig Zufuhr steigt das Mangelrisiko, bei zu viel das Risiko einer Überdosierung. Dazwischen liegt der ausreichende Bereich von 70 bis 255 µg pro Tag. Ab rund 330 µg trat in einer US-Studie vermehrt Haarausfall auf.
Die Dosis-Wirkung ist U-förmig: Nach unten und nach oben wird es problematisch, brauchbar ist nur das mittlere Fenster. Zwischen 70 und 255 µg liegt der Faktor 3,6.

Der Selbsttest

Wer seinen Selenstatus einschätzen will, braucht zwei Dinge: eine ehrliche Risikoabwägung und eine Messung. Die Symptome helfen nicht, denn Selenmangel hat keine eigenen.

Die Risikoabwägung. Ein Mangel ist wahrscheinlicher, wenn mehrere der folgenden Punkte zutreffen:

  • vegane oder vegetarische Ernährung, ohne Kohl, Zwiebeln, Pilze, Spargel, Hülsenfrüchte oder Paranüsse bewusst einzuplanen,
  • eine chronisch entzündliche Darmerkrankung oder eine Zöliakie,
  • Mukoviszidose, Niereninsuffizienz oder Dialyse,
  • eine langfristige künstliche Ernährung,
  • überwiegend regional erzeugte pflanzliche Kost in einer selenarmen Region.

Die Gegenprobe. Ein Überschuss ist wahrscheinlicher, wenn täglich ein hochdosiertes Präparat eingenommen oder regelmäßig eine Handvoll Paranüsse gegessen wird. Wer mehrere Paranüsse am Tag isst und zusätzlich ein Präparat nimmt, überschreitet die Obergrenze schneller, als man denkt.

Was gemessen wird. Für die Bestimmung des Status gibt es drei Marker:

MarkerWas er zeigt
Serum- oder Plasmaselenaktuelle Zufuhr, reagiert schnell
Selen im Vollblutlängerfristige Versorgung
Selenoprotein Pdie funktionelle Versorgung — genau dieser Marker diente der EFSA als Grundlage für die Empfehlung

Zur Einordnung: Ein Wert im Normbereich ist kein Beweis für eine gute Versorgung. Referenzbereiche beschreiben, was in der Bevölkerung üblich ist, nicht was günstig ist. Warum das so ist, steht im Beitrag Sind Deine Laborwerte wirklich normal?.

Nicht geeignet ist die Analyse von Haaren oder Nägeln. Sie reagiert kaum auf die Zufuhr und liefert keine belastbare Aussage über den Status. Wer testen möchte: In Deutschland gibt es einfache Blutuntersuchungen auf Selen, die man auch von zu Hause aus einschicken kann. Die Interpretation gehört in fachliche Hände.

Selenformen: organisch und anorganisch

Selen kommt in der Natur in zwei Grundformen vor, und die unterscheiden sich darin, wie der Körper sie verarbeitet.

In der Nahrung

  • Selenomethionin ist die häufigste Form in Getreide und in tierischem Eiweiß. Der Körper kann es anstelle der Aminosäure Methionin in eigene Eiweiße einbauen. So entsteht ein regelrechtes Selenlager im Gewebe.
  • Selenocystein sitzt in den Selenoproteinen von Tier und Mensch. Es ist die Form, die der Körper für seine Enzyme verwendet.
  • Methylierte Formen wie Se-Methylselenocystein und γ-Glutamyl-Se-Methylselenocystein stecken in Knoblauch, Zwiebeln, Kohl und Brokkoli. Sie folgen einem eigenen Stoffwechselweg.
  • Selenat und Selenit sind die anorganischen Formen in Wasser und in manchen Lebensmitteln.

In Nahrungsergänzungsmitteln

  • Natriumselenit und Natriumselenat sind die anorganischen Salze. Sie werden gut aufgenommen, aber nur ein Teil bleibt im Körper.
  • L-Selenomethionin ist die organische Einzelverbindung. Sie wird gut aufgenommen und höher im Körper eingelagert als anorganisches Selen.
  • Selenhefe ist keine Einzelverbindung, sondern eine Mischung. Sie besteht zu etwa 60 bis 85 % aus Selenomethionin, dazu Selenocystein und Spuren anderer Verbindungen. Die Aufnahme entspricht in etwa der von reinem Selenomethionin und liegt rund doppelt so hoch wie bei den anorganischen Formen.

Der Unterschied liegt weniger in der Aufnahme als in der Speicherung. Selenomethionin wird in Körpereiweiße eingebaut und nur langsam wieder freigesetzt — seine biologische Halbwertszeit liegt bei etwa 250 Tagen, die von Selenit bei etwa 100 Tagen. Über Selenomethionin lässt sich der Status also stärker und länger anheben, während anorganisches Selen schneller für die Selenoproteinsynthese bereitsteht und der Rest ausgeschieden wird.

Für die Praxis heißt das: Bei einer nachgewiesenen Unterversorgung funktionieren beide Formen. Selenomethionin und Selenhefe heben den Blutspiegel stärker und länger, was für eine Auffüllung günstig ist. Anorganische Formen werden allgemein als etwas toxischer eingestuft, wobei die Obergrenze der EFSA diese Unterscheidung nicht trifft. Entscheidend sind ohnehin die Dosis und der Anlass, nicht das Etikett.

Fazit

Selen ist ein Spurenelement mit schmalem Spielraum. Es wird für die Schilddrüse, das Immunsystem, den Zellschutz und die Spermienbildung gebraucht, und die EFSA hat diese vier Wirkungen ausdrücklich anerkannt. Die angemessene Zufuhr liegt bei 70 µg am Tag, die Obergrenze bei 255 µg — der Puffer dazwischen ist klein.

Für die meisten Menschen mit gemischter Ernährung ist die Versorgung kein Problem. Fleisch, Fisch, Eier und Milch liefern in Europa zuverlässig Selen, weil der Boden hier arm ist und Tierfutter ergänzt wird. Wer vegetarisch oder vegan lebt, muss selenreiche pflanzliche Lebensmittel bewusst einplanen. Ein bis zwei Paranüsse am Tag können den Bedarf decken — eine Handvoll kann ihn übersteigen.

Wer einer Risikogruppe angehört oder Beschwerden hat, sollte nicht raten, sondern messen: Selen im Vollblut oder Selenoprotein P, dazu das Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt. Bei Hashimoto kann Selen die Entzündungsaktivität senken; hohe Dosen gehören in Begleitung. Und wer bereits hochdosiert Selen einnimmt, ohne es je gemessen zu haben, sollte eher prüfen, ob er es noch braucht — nicht, ob er es steigern kann.

Quellen

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Frage 1 von 3

  1. Wie hoch ist laut EFSA die angemessene Selen-Zufuhr für Erwachsene?

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