Allgemeines

Use it or lose it

Was der Körper nicht mehr braucht, baut er ab — im Bein und in der Schilddrüse. Warum es sich lohnt, nach der Ursache zu suchen, bevor eine Funktion von außen ersetzt wird, und warum das Prinzip beim Auge an Grenzen stößt.

Vera von Petzinger21 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

4 Gedanken, die dieser Beitrag begründet.

  • Der Körper baut ab, was er nicht braucht. Das gilt für den Muskel im Bein genauso wie für die Schilddrüse.
  • Eine Unterfunktion aus Mangel an Jod, Selen, Eisen oder Eiweiß ist am Anfang oft noch zu beheben. Nach Jahren Hormonersatz ist dieser Weg verbaut.
  • Beim Auge stößt das Prinzip an Grenzen: Die Altersweitsichtigkeit geht auf die verhärtende Linse zurück, der Muskel dahinter arbeitet bis ins Alter weiter. Augenübungen halten sie nach bisherigen Studien nicht auf.
  • Nichts davon ist ein Grund, ein verordnetes Medikament abzusetzen. Es ist ein Grund, die Ursache früher zu suchen.

5 %in 7 Tagen

des Oberschenkelquerschnitts verschwinden in einer einzigen Woche Ruhigstellung

32 %

der Erwachsenen in Deutschland liegen unter ihrem geschätzten mittleren Jodbedarf

40–45Jahre

in diesem Alter wird die nachlassende Naheinstellung meist spürbar — mit 60 betrifft sie fast jeden

20-20-20

alle 20 Minuten 20 Sekunden in gut 6 Meter Entfernung schauen — gegen müde, trockene Augen am Bildschirm

„Use it or lose it“ — benutze es, oder du verlierst es. Der Satz stammt aus dem Sport, aber er beschreibt kein Sportphänomen. Er beschreibt, wie unser Körper grundsätzlich mit sich selbst umgeht.

Unser Körper ist kein Lager, in dem Fähigkeiten aufbewahrt werden, bis wir sie wieder brauchen. Er ist eine Baustelle, auf der ununterbrochen abgerissen und neu gebaut wird. Und er ist ein sparsamer Bauherr: Gewebe, das Energie kostet, aber keine Aufgabe hat, wird zurückgebaut. Nicht aus Bosheit, sondern aus Ökonomie.

Das klingt harmlos, solange wir an Muskeln denken. Interessant wird es dort, wo wir denselben Mechanismus nicht vermuten — und wo wir mit einer gut gemeinten Hilfe von außen versehentlich genau den Reiz abschalten, den ein Organ zum Erhalt braucht.

Zwei Regelkreise: links erhält der Gebrauch die Leistung, rechts baut der Ersatz von außen sie ab
Derselbe Regelkreis, zweimal. Einmal wird die Funktion getragen, einmal abgenommen.

Das Bein im Gips

Wer schon einmal einen Gips getragen hat, kennt den Moment, in dem er abgenommen wird. Das Bein darunter gehört sichtbar nicht mehr zum selben Menschen wie das andere. Es ist dünner, blasser, und es trägt nicht.

Die Zahlen dahinter sind unangenehm deutlich. In einer Maastrichter Untersuchung verlor der Oberschenkel gesunder junger Männer nach sieben Tagen Ruhigstellung 5,4 Prozent seines Querschnitts, nach sieben Tagen strikter Bettruhe 3,2 Prozent. Eine Woche. Der Aufbau zurück dauert ein Vielfaches der Zeit, die der Abbau gekostet hat.

Wichtig ist der zweite Teil dieser Beobachtung: Der Muskel war nie krank. Er hat exakt das getan, wofür er gebaut ist — er hat sich der Anforderung angepasst. Die Anforderung war null.

Diesen Zusammenhang akzeptieren wir beim Bein ohne Widerspruch. Niemand käme auf die Idee, dem gesunden Bein dauerhaft eine Schiene anzulegen, damit das Gehen nicht so anstrengend ist. Wir wissen, dass die Schiene dann das Problem wäre.

Die Schilddrüse

Hier trägt das Prinzip am weitesten — und hier hat es die größten Folgen.

Woraus das Hormon gebaut wird

Das Schilddrüsenhormon ist ein bemerkenswert schlichtes Molekül. Zwei Bausteine der Aminosäure Tyrosin bilden das Grundgerüst, daran hängen vier Atome Jod. Mehr ist T4 nicht, und die vier Jodatome geben ihm seinen Namen.

Dieses T4 ist allerdings noch nicht das Hormon, das in der Zelle etwas bewirkt. Es ist die Speicher- und Transportform. Wirksam wird es erst, wenn ein Jodatom abgespalten wird und daraus T3 entsteht — die aktive Form, um ein Vielfaches wirksamer. Diese Abspaltung erledigen Enzyme, die Deiodasen, und in deren Zentrum sitzt Selen.

Selen ist damit kein Baustein des Hormons, sondern das Werkzeug, das es scharf stellt.

Der Weg vom Jod bis zum wirksamen T3

Der Syntheseweg: Jodid aufnehmen, an Tyrosin binden, T4 speichern, mit Selen zu T3 umwandeln
Vier Schritte, vier Stellen zum Stolpern. Der Kropf entsteht dort, wo der erste Schritt zu wenig hergibt.

Vier Schritte, und jeder braucht etwas Bestimmtes:

  1. Jodid aus dem Blut holen. Die Schilddrüsenzelle fischt das Jodid aktiv aus dem Blut — mit einer regelrechten Pumpe, die gegen ein starkes Gefälle arbeitet. Ohne Jod in der Nahrung gibt es hier nichts zu pumpen.
  2. An Tyrosin binden. Das Enzym Thyreoperoxidase (TPO) macht das Jodid reaktionsfähig und hängt es an die Tyrosinreste eines großen Trägereiweißes. Dieses Enzym ist eisenabhängig — bei niedrigem Ferritin arbeitet es schlechter. Und bei der Reaktion entsteht Wasserstoffperoxid, gegen das sich die Drüse schützen muss: wieder über selenabhängige Enzyme.
  3. Speichern. Zwei jodierte Tyrosinreste werden gekoppelt, T4 entsteht und wird in der Drüse gelagert. Dieser Vorrat reicht für Wochen — deshalb schleicht sich ein Mangel so langsam ein, dass man ihn nicht kommen sieht.
  4. Scharf stellen. Im Zielgewebe spaltet die Deiodase ein Jodatom ab und macht aus T4 das wirksame T3. Ohne Selen bleibt das T4 liegen.

Dazu kommen die Stoffe, die den Betrieb rundherum tragen: Zink, Vitamin A, Vitamin D, ausreichend Eiweiß als Quelle für Tyrosin. Ein Mangel an einem einzigen Glied dieser Kette genügt, damit am Ende zu wenig wirksames Hormon in der Zelle ankommt.

Was bei Jodmangel wirklich passiert

Kommt zu wenig Jod an, entsteht zu wenig T4. Die Hirnanhangdrüse bemerkt das und schickt mehr TSH — die Aufforderung an die Drüse, mehr zu leisten.

Und die Drüse leistet. Sie wird stärker durchblutet, ihre Zellen vermehren sich, sie wird größer, um aus dem wenigen Jod im Blut noch das Letzte herauszufiltern. Das ist der Kropf. Anfangs geht die Rechnung sogar auf: Die Hormonwerte im Labor bleiben normal, nur der Hals wird dicker.

Es lohnt sich, an dieser Stelle kurz innezuhalten, denn hier steht dasselbe Prinzip in der anderen Richtung: Ein Organ, das stark angefordert wird, wächst. Der Körper reagiert auf Anforderung, in beide Richtungen, immer.

Reicht auch das Wachstum nicht mehr aus, kippt der Zustand: Das freie T4 sinkt, das TSH steigt weiter, und aus der Anpassung wird die Unterfunktion. Die Beschwerden sind unspezifisch und werden deshalb lange weggeschoben — Müdigkeit, Frieren, trockene Haut, brüchige Haare, Verstopfung, langsame Gewichtszunahme, gedrückte Stimmung, bei Frauen Zyklusstörungen.

Dieselbe Kette kann an jedem anderen Glied reißen: Bei Selenmangel wird T4 gebildet, aber nicht ausreichend in T3 umgewandelt — der TSH-Wert kann dabei erstaunlich unauffällig aussehen, während es der Patientin schlecht geht. Bei Eisenmangel arbeitet die TPO langsamer. Bei zu wenig Eiweiß fehlt das Tyrosin.

Die Jodmangelgebiete in Deutschland

Ob Jod auf dem Teller landet, entscheidet zuerst der Boden. Das Schmelzwasser der Eiszeiten hat das Jod aus den Böden Mitteleuropas ausgewaschen, und was dort nicht im Boden ist, steckt auch nicht in Getreide, Gemüse oder Milch. Am stärksten betroffen sind die Gebirgsregionen — aber nicht nur sie: Auch küstennahe Böden in Dänemark und den Niederlanden sind jodarm. Die Nähe zum Meer allein rettet also niemanden; entscheidend ist, was auf dem Teller landet.

Deutschland galt deshalb lange als Jodmangelgebiet — und zwar vollständig, mit einem deutlichen Nord-Süd-Gefälle. Der historische „Kropfgürtel“ lag im Süden und in den Mittelgebirgen:

  • Alpenvorland und Bayern, bis in den Bayerischen Wald
  • Baden-Württemberg mit dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb
  • Thüringer Wald, Erzgebirge, Harz
  • Sauerland und Eifel

An der Nordseeküste und in Schleswig-Holstein war der Kropf immer deutlich seltener. In manchen Alpentälern war er dagegen so verbreitet, dass er als normal galt.

Entschärft hat das erst die Jodsalzprophylaxe: jodiertes Speisesalz, jodiertes Salz in Backwaren, Wurst und Käse, jodiertes Futter in der Tierhaltung. Die Kropfhäufigkeit ging deutlich zurück, und 2007 strich die WHO Deutschland von der Liste der Jodmangelgebiete.

Gehalten hat das nicht. Die Versorgung sinkt seit Jahren wieder — weniger Betriebe setzen Jodsalz ein, in der Tierhaltung wird weniger jodiert, und in der eigenen Küche wird Salz oft ganz vermieden. Nach dem Jodmonitoring liegen 32 Prozent der Erwachsenen und knapp 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter ihrem geschätzten mittleren Jodbedarf. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie stellt deshalb fest, dass Deutschland nach der Definition der WHO wieder ein Jodmangelgebiet ist.

Besonders eng wird es bei:

  • veganer und vegetarischer Ernährung ohne Seefisch, Milch, Ei oder Algen
  • salzarmer Ernährung, etwa bei Bluthochdruck
  • Umstieg auf Ursalz, ohne dass das Jod anderswo herkommt — dazu gleich mehr
  • Schwangerschaft und Stillzeit, weil der Bedarf deutlich steigt und das Kind mitversorgt wird

Der Boden erklärt also, warum ein Mangel in Deutschland wahrscheinlich ist. Er ersetzt keine Messung — aber er ist ein guter Grund, überhaupt zu messen.

Was sonst noch im Jodsalz steckt

Damit ist das jodierte Speisesalz allerdings noch nicht empfohlen, denn es ist ein industriell raffiniertes Produkt. Aus dem Rohsalz wird alles herausgelöst, was nicht Natriumchlorid ist, danach wird es wieder angereichert — mit Jodat, oft mit einem Stabilisator, und in der Regel mit einer Rieselhilfe, damit es in der Streudose nicht verklumpt.

Zugelassen sind dafür bis zu zehn Gramm pro Kilogramm Salz, unter anderem:

  • E 535, E 536, E 538 — Natrium-, Kalium- und Calciumhexacyanoferrat, die klassischen Rieselhilfen im Tafelsalz
  • E 551 bis E 553 — Siliciumdioxid und Silikate
  • E 500, E 504, E 170 — Carbonate

Bemerkenswert daran: In Bio-Salz sind die Hexacyanoferrate nicht zugelassen. Eine Zutat, auf die eine ganze Produktkategorie verzichten kann, ist offensichtlich keine, die dort hineingehört.

Ein Ursalz ist die bessere Wahl. Stein- und Ursalze werden nicht raffiniert, sondern gemahlen. Sie kommen ohne Rieselhilfe, ohne Stabilisator und ohne Trennmittel aus — man isst Salz und sonst nichts. Warum ich davon so überzeugt bin und warum ich von Meersalz abrate, steht im Beitrag Macht Salz wirklich krank?

Und genau hier ist ehrlich zu bleiben, sonst hebt sich dieser Abschnitt gegen den vorigen auf: Ursalz enthält so gut wie kein Jod. Es ist zu rund 98 Prozent Natriumchlorid, der Rest sind Spuren. Wer vom Jodsalz auf ein Ursalz umsteigt, verbessert also die Qualität des Salzes — und streicht zugleich die Quelle, über die in Deutschland der größte Teil des Jods in die Ernährung kommt.

Beides zusammen geht, aber nur bewusst:

  • Jodsalz ohne Rieselhilfe gibt es zu kaufen; das ist der einfachste Kompromiss, wenn eine bekannte Unterversorgung vorliegt.
  • Ursalz plus eine eigene Jodquelle: Seefisch ein- bis zweimal pro Woche, Milchprodukte und Eier, Algen nur dosiert und mit deklariertem Jodgehalt — Blattalgen wie Kombu können den Tagesbedarf um ein Vielfaches überschreiten.
  • Und in beiden Fällen: messen. Bei bekannter Hashimoto-Thyreoiditis gehört jede gezielte Jodgabe ohnehin in ärztliche Hand.

Beim Seefisch gehören zwei Einschränkungen dazu, sonst tauscht man ein Problem gegen ein anderes.

Das Meer ist nicht mehr sauber. Quecksilber reichert sich über die Nahrungskette an, und am Ende dieser Kette stehen die alt werdenden Raubfische. Das BfR rät Schwangeren und Stillenden ausdrücklich von Hai, Schwertfisch, Heilbutt und Thunfisch ab; die höchsten Gehalte fand die MEAL-Studie in Thunfisch, Dornhai und Rotbarsch. Beim Seelachs ist der Gehalt niedrig — weil er aber viel gegessen wird, trägt gerade er am meisten zur Gesamtbelastung bei. Die Konsequenz ist deshalb nicht Verzicht, sondern Abwechslung und maßvolle Portionen.

Und die Zucht ist keine saubere Alternative. In einer Untersuchung von Shrimps, Lachs, Wels, Forelle, Tilapia und Pangasius aus elf Ländern ließen sich fünf verschiedene Antibiotika nachweisen, am häufigsten Oxytetracyclin; auch das Fischmehl im Futter trägt Rückstände und Resistenzgene mit sich. Die Herkunft entscheidet dabei mehr als das Etikett „Zucht“: Norwegen hat den Antibiotikaeinsatz in der Lachszucht durch Impfungen um 99 Prozent gegenüber 1987 gesenkt, während Garnelen und Pangasius aus asiatischer Zucht der kritische Fall bleiben.

Für die Jodfrage kommt eine dritte Sache dazu, die kaum jemand auf dem Schirm hat: Zuchtfisch enthält oft weniger Jod als Wildfisch, weil das Futter von Fischmehl auf pflanzliche Zutaten umgestellt wurde. Und ausgerechnet der Lachs ist ohnehin ein schwacher Jodlieferant. Wer Fisch wegen des Jods isst, greift besser zu Kabeljau, Schellfisch oder Seelachs — nicht zu Lachs oder Thunfisch.

Und wenn es Hashimoto ist?

Diese Unterscheidung gehört an den Anfang jeder Abklärung, denn an ihr entscheidet sich alles Weitere.

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung: Das eigene Immunsystem greift das Schilddrüsengewebe an und zerstört es nach und nach. Hier fehlt der Drüse nicht das Material — hier geht ihr die Substanz verloren. Und deshalb hilft das Auffüllen der Bausteine hier nicht weiter. Wer bei Hashimoto Jod ergänzt, kann die Entzündung sogar anheizen; Jod gehört dann in üblicher Nahrungsmenge dazu, aber nicht als hochdosierte Ergänzung.

Der Hebel liegt bei Hashimoto woanders: beim Immunsystem. Darm und Mikrobiom, Entzündungslast, Stress, Vitamin D, Selen. Wie das zusammenhängt, steht ausführlich im Beitrag Autoimmun-Erkrankungen.

Konkret heißt das: Antikörper bestimmen (TPO-AK, Tg-AK) und Ultraschall, bevor irgendetwas ergänzt wird. Ohne diese beiden Untersuchungen weiß niemand, ob er einen Mangel behandelt oder eine Entzündung füttert.

Was der Hormonersatz mit dem Regelkreis macht

Die Schilddrüse arbeitet nicht selbstständig, sie arbeitet auf Zuruf. Je weniger Hormon im Blut ankommt, desto mehr TSH schickt die Hirnanhangdrüse, desto stärker die Aufforderung.

Wird das Hormon nun von außen gegeben, sinkt das TSH. Das ist gewollt, denn genau daran wird die Dosis eingestellt. Es hat aber eine zweite Wirkung: Die Aufforderung an die Drüse verstummt. Sie wird nicht mehr gebraucht. Und was nicht gebraucht wird, wird zurückgebaut — dieselbe Rechnung wie beim Bein im Gips, nur unsichtbar.

Das ist kein Vorwurf an das Medikament. L-Thyroxin ist eine der wirksamsten und sichersten Substitutionen, die die Medizin kennt, und für viele Menschen unverzichtbar — bei Hashimoto im fortgeschrittenen Stadium, nach einer Operation, nach einer Radiojodtherapie führt kein Weg daran vorbei.

Der Punkt ist ein anderer: Es ist eine Einbahnstraße. Solange die Drüse noch Gewebe und nur zu wenig Material hat, lässt sich ihre eigene Tätigkeit über die Bausteine wieder anregen. Nach Jahren, in denen sie nicht mehr angefordert wurde, gelingt das in aller Regel nicht mehr.

Warum der Zeitpunkt über alles entscheidet

Eine Unterfunktion beginnt fast nie dramatisch. Am Anfang steht die subklinische Form: Das TSH ist leicht erhöht, das freie T4 noch normal, die Beschwerden diffus. Genau dieses Fenster ist das interessante — und genau in diesem Fenster wird oft schon substituiert.

Was in dieses Fenster gehört, bevor ersetzt wird:

  • TSH, fT3 und fT4 — nicht nur das TSH allein
  • TPO-AK und Tg-AK sowie ein Ultraschall
  • Selen im Vollblut, nicht im Serum
  • Jodversorgung, im Zweifel über die Jodausscheidung im Urin
  • Ferritin und Eisenstatus
  • Vitamin D, Zink, Vitamin A
  • die Eiweißversorgung als Quelle für Tyrosin

Dazu mehr darüber, warum „im Normbereich“ und „gut versorgt“ nicht dasselbe sind, steht unter Laborwerte o.k.?

Der Gegenpart: die Augen

Bein und Schilddrüse zeigen, wie weit das Prinzip trägt. Die Augen zeigen, wo es nicht mehr greift, obwohl man es gerade dort erwarten würde.

Im und am Auge arbeiten Muskeln. Der Ziliarmuskel verformt die Linse und stellt scharf — nah, fern, nah. Die sechs äußeren Augenmuskeln je Auge bewegen den Blick und richten beide Augen auf denselben Punkt.

Doch die äußeren Augenmuskeln gehören zu den ausdauerndsten Muskeln des Körpers und altern auffallend langsam. Und auch der Ziliarmuskel bleibt bis ins hohe Alter leistungsfähig. Umso wichtiger ist es, die Grenzen klar zu benennen, denn sie entscheiden über Zeit, die man nicht zurückbekommt.

Was sich nicht wegtrainieren lässt

Kurz- und Weitsichtigkeit sind kein Muskelproblem. Sie sind eine Frage der Baulänge des Augapfels: Bei Kurzsichtigkeit ist er zu lang, das scharfe Bild entsteht vor der Netzhaut statt auf ihr. Kein Training verkürzt einen Augapfel. Und der naheliegende Gedanke, die Brille dann eben schwächer zu wählen, damit das Auge arbeiten muss, ist untersucht worden: Bei bewusst unterkorrigierten Kindern schritt die Kurzsichtigkeit schneller voran, nicht langsamer.

Erst recht gilt das für Augenerkrankungen. Grauer Star, Grüner Star, Makuladegeneration, eine Netzhautablösung, eine plötzliche Sehverschlechterung, Blitze oder ein „Rußregen“ im Blickfeld gehören zum Augenarzt, und zwar sofort. Hier kostet jede Woche Substanz, die nicht wiederkommt. Ein Sehtraining ist an dieser Stelle kein alternativer Weg, sondern ein Umweg mit Folgen.

Was bleibt, ist ein Bereich, der fast jeden Menschen ab der Lebensmitte betrifft.

Die Altersweitsichtigkeit

Zwischen vierzig und fünfundvierzig fängt es an: Die Speisekarte rutscht nach hinten, das Handy braucht plötzlich mehr Armlänge, und abends im schlechten Licht geht gar nichts mehr.

Die Ursache liegt in der Linse: Sie verhärtet. Zwischen dem 14. und dem 78. Lebensjahr wird ihr Kern rund 450-mal steifer, und sie lässt sich immer schlechter verformen. Das passiert jedem Menschen, es ist kein Versagen, und kein Training macht eine harte Linse wieder weich. Wer etwas anderes verspricht, verkauft etwas.

Der Muskel, der sie verformt, ist dagegen nicht das Problem. In Aufnahmen mit dem Kernspintomografen und mit Ultraschall zog sich der Ziliarmuskel bis ins hohe Alter noch fast so stark zusammen wie bei jungen Menschen, auch bei ausgeprägter Altersweitsichtigkeit. Er tut, was er soll, nur die Linse folgt nicht mehr.

Drei Längsschnitte durch das Auge: in der Ferne ist der Ziliarmuskel entspannt und die Linse flach, in der Nähe spannt er an und die Linse wölbt sich, mit dem Alter bleibt die verhärtete Linse trotz Anspannung flach und das Bild unscharf
Für die Nähe spannt der Ziliarmuskel an, die Aufhängefasern werden locker, und die elastische Linse wölbt sich. Mit dem Alter verhärtet die Linse und wölbt sich trotz Anspannung kaum noch.

Was Bildschirmarbeit mit den Augen macht

Ein Bildschirmarbeitstag hält den Blick stundenlang auf derselben Entfernung. Das ist anstrengend, und viele kennen die Zeichen: brennende, müde, trockene Augen am Abend, Kopfschmerzen, Buchstaben, die verschwimmen. Nach einer Übersichtsarbeit hat die Hälfte oder mehr der Menschen, die viel am Computer arbeiten, solche Beschwerden.

Einen Abbau am Muskel verursacht das nach heutigem Wissen aber nicht. Es gibt keine Studie, nach der Bildschirmarbeit den Ziliarmuskel oder die äußeren Augenmuskeln schwächt. Wer viel in der Nähe arbeitet, bemerkt die Altersweitsichtigkeit zwar oft früher. Ihr Verlauf ist aber derselbe.

Auch Übungen ändern daran nichts. In einer Studie schalteten Menschen mit beginnender Altersweitsichtigkeit zwei Monate lang regelmäßig zwischen nah und fern um: Ihr Scharfstellbereich und ihre Lesesehschärfe blieben unverändert, nur ihre Zufriedenheit stieg. Belegt ist Augentraining lediglich bei einer bestimmten Störung im Zusammenspiel beider Augen, der Konvergenzschwäche, und dort vor allem bei Kindern.

Was das praktisch heißt

  • Die 20-20-20-Regel. Alle 20 Minuten für 20 Sekunden in mindestens 20 Fuß — gut sechs Meter — Entfernung schauen. In einer kleinen Studie gingen trockene und müde Augen damit nach zwei Wochen zurück. Eine Woche nach dem Absetzen war der Effekt allerdings wieder verschwunden: Die Regel hilft, solange man sie einhält.
  • Bewusst blinzeln. Wer sich auf Text in der Nähe konzentriert, blinzelt seltener, am Bildschirm genauso wie auf Papier. Am Bildschirm schließen sich zudem mehr Lidschläge nicht vollständig, und gerade diese unvollständigen Lidschläge hängen mit trockenen, gereizten Augen zusammen.
  • Bei der Lesebrille: die schwächste Stärke, mit der Lesen mühelos gelingt. So wird sie auch verordnet, allerdings nicht als Training. Je stärker die Lesebrille, desto schmaler wird der Bereich, in dem man scharf sieht, und der Bildschirm auf Armlänge verschwimmt.

Und die ehrliche Einschränkung dazu: Keine dieser Gewohnheiten hält die Linse jung. Irgendwann braucht fast jeder eine Lesebrille, und das ist kein Scheitern. Was die Gewohnheiten beeinflussen, ist, wie es den Augen in den Stunden am Bildschirm geht.

Bei Kindern lässt sich dagegen tatsächlich etwas vorbeugen, allerdings nicht über die Muskeln, sondern über die Zeit im Freien. In einer Studie an zwölf Grundschulen in Guangzhou genügten vierzig Minuten zusätzliche Zeit draußen pro Schultag, um den Anteil der Kinder, die über drei Jahre kurzsichtig wurden, von 39,5 auf 30,4 Prozent zu senken.

Wo das Prinzip endet

Ein Satz, der alles erklärt, erklärt nichts. Also die Grenzen:

Nicht jede Funktion, die nachlässt, lässt nach, weil sie nicht gebraucht wird. Zerstörtes Gewebe, ein Gendefekt, eine Autoimmunerkrankung folgen anderen Regeln. Wer dort auf Training setzt, verliert genau die Zeit, die er für die richtige Behandlung gebraucht hätte.

Die Augen sind dafür das alltäglichste Beispiel. Die Altersweitsichtigkeit sieht aus wie ein Muskel, der nachlässt, ist aber eine Linse, die hart wird. Der Muskel arbeitet weiter, und Übungen halten sie nicht auf.

Nicht jeder Ersatz von außen ist ein Fehler. Insulin bei Typ-1-Diabetes ersetzt, was schlicht nicht mehr existiert. Eine korrekt geschliffene Brille ersetzt keine Fähigkeit, sie stellt ein Bild scharf. Und eine Schilddrüse, von der nach Jahren der Entzündung wenig übrig ist, braucht das Hormon dauerhaft.

Der Satz beschreibt also keinen Verzicht auf Medizin. Er beschreibt eine Reihenfolge.

Was daraus folgt

Die Frage lautet nicht „Medikament oder nicht“. Sie lautet: Ist die Ursache gesucht worden, bevor die Funktion ersetzt wurde?

Drei Fragen für den nächsten Befund:

  1. Woher kommt der Ausfall? Fehlt Material, fehlt Reiz, oder ist Gewebe zerstört? Das sind drei verschiedene Krankheiten mit demselben Laborwert.
  2. Wenn Material fehlt: Ist das wirklich gemessen worden? „Im Normbereich“ ist keine Messung, sondern ein Vergleich mit einer Bevölkerung, die selbst nicht gesund ist.
  3. Wenn ich jetzt ersetze: Was passiert mit dem Organ, das ich entlaste? Und lässt sich dieser Schritt später noch umkehren?

Und der wichtigste Satz zum Schluss: Nichts davon ist ein Grund, ein verordnetes Medikament abzusetzen. Wer L-Thyroxin eigenmächtig weglässt, riskiert Ernstes; in der Schwangerschaft geht es dabei um die Hirnentwicklung des Kindes. Der richtige Zeitpunkt, die Ursache zu suchen, ist der Anfang — und wenn der verpasst wurde, dann in Begleitung und mit Kontrolle, nicht im Alleingang.

Der Körper hört zu. Er richtet sich nach dem, was wir von ihm verlangen. Das ist die unbequeme und zugleich hoffnungsvolle Seite dieses Satzes — denn er gilt in beide Richtungen.

Quellen

  • Dirks ML et al., May bed rest cause greater muscle loss than limb immobilization?, Acta Physiologica 2016, DOI: 10.1111/apha.12699 — sieben Tage Ruhigstellung kosten 5,4 %, sieben Tage strikte Bettruhe 3,2 % des Oberschenkelquerschnitts
  • Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Jodversorgung in Deutschland: Ergebnisse des Jodmonitorings bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen — 32 % der Erwachsenen (DEGS, 2008–2011) und knapp 44 % der Kinder und Jugendlichen (KiGGS Welle 2, 2014–2017) unter dem geschätzten mittleren Jodbedarf
  • Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, zitiert nach Gelbe Liste: Deutschland wieder Jodmangelgebiet
  • Zimmermann MB, Köhrle J, The Impact of Iron and Selenium Deficiencies on Iodine and Thyroid Metabolism, Thyroid 2002; 12(10), DOI: 10.1089/105072502761016494 — Thyreoperoxidase als häm-abhängiges Enzym, Selen in Deiodasen und Schutzenzymen
  • Verbraucherzentrale: Himalaya-Salz — was steckt dahinter? — rund 98 % Natriumchlorid, übrige Mineralstoffe in Spuren
  • Rieselhilfe (Übersicht der in der EU für Speisesalz zugelassenen Trennmittel) — E 170, E 500, E 504, E 535/536/538, E 551–553; höchstens 10 g je Kilogramm Salz
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Schwangere und Stillende sollten Fischarten mit hohen Gehalten an Methylquecksilber meiden — Hai, Schwertfisch, Heilbutt, Thunfisch; Höchstgehalte 1,0 mg/kg für Raubfische, sonst 0,5 mg/kg
  • Sprague M et al., Iodine Content of Wild and Farmed Seafood and Its Estimated Contribution to UK Dietary Iodine Intake, Nutrients 2022; 14(1): 195, DOI: 10.3390/nu14010195 — Wildfisch liegt beim Jod meist über Zuchtfisch, Lachs ist ein schwacher Jodlieferant
  • MVZ Labor Limbach: Hashimoto-Thyreoiditis — die häufigste Ursache einer Hypothyreose
  • He M et al., Effect of Time Spent Outdoors at School on the Development of Myopia Among Children in China: A Randomized Clinical Trial, JAMA 2015; 314(11), DOI: 10.1001/jama.2015.10803 — 40 Minuten mehr im Freien pro Schultag, Kurzsichtigkeit über drei Jahre 30,4 % statt 39,5 %
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  • Charman WN, The eye in focus: accommodation and presbyopia, Clinical and Experimental Optometry 2008; 91(3): 207–225, DOI: 10.1111/j.1444-0938.2008.00256.x — wie Ziliarmuskel, Aufhängefasern und Linse beim Scharfstellen zusammenarbeiten
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  • Singh P, Zeppieri M, Tripathy K, Presbyopia, StatPearls, Stand Juni 2025, NCBI Bookshelf — Beginn zwischen 40 und 45 Jahren, bei Naharbeit früher spürbar ohne anderen Verlauf, schwächste ausreichende Lesebrille
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  • Scheiman M, Kulp MT, Cotter SA et al., Interventions for convergence insufficiency: a network meta-analysis, Cochrane Database of Systematic Reviews 2020; 12: CD006768, DOI: 10.1002/14651858.CD006768.pub3 — Übungstherapie bei Konvergenzschwäche, Belege vor allem bei Kindern
  • Sheppard AL, Wolffsohn JS, Digital eye strain: prevalence, measurement and amelioration, BMJ Open Ophthalmology 2018; 3(1): e000146, DOI: 10.1136/bmjophth-2018-000146 — Beschwerden bei der Hälfte oder mehr der Computernutzer
  • Talens-Estarelles C, Cerviño A, García-Lázaro S et al., The effects of breaks on digital eye strain, dry eye and binocular vision: Testing the 20-20-20 rule, Contact Lens & Anterior Eye 2023; 46(2): 101744, DOI: 10.1016/j.clae.2022.101744 — weniger Beschwerden nach zwei Wochen, Effekt eine Woche nach dem Absetzen verschwunden
  • Portello JK, Rosenfield M, Chu CA, Blink rate, incomplete blinks and computer vision syndrome, Optometry and Vision Science 2013; 90(5): 482–487, DOI: 10.1097/OPX.0b013e31828f09a7 — unvollständige Lidschläge hängen mit Beschwerden zusammen
  • Chu CA, Rosenfield M, Portello JK, Blink patterns: reading from a computer screen versus hard copy, Optometry and Vision Science 2014; 91(3): 297–302, DOI: 10.1097/OPX.0000000000000157 — gleich seltenes Blinzeln am Bildschirm und auf Papier, mehr unvollständige Lidschläge am Bildschirm
  • Beesley J, Davey CJ, Elliott DB, Subjective refraction and prescribing styles used by UK optometrists, Ophthalmic & Physiological Optics 2025; 45(5): 1113–1125, DOI: 10.1111/opo.13495 — je stärker die Lesebrille, desto schmaler der scharfe Bereich

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