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Nattokinase: Was das Enzym aus Natto kann – und was nicht

Nattokinase aus fermentierten Sojabohnen gilt als natürlicher Blutverdünner. Was die Studien zu Blutdruck, Fibrinogen und Gerinnung wirklich zeigen, wie die EU-Rechtslage aussieht — und warum die Einnahme neben Blutverdünnern riskant ist.

Vera von Petzinger18 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

4 Gedanken, die dieser Beitrag begründet.

  • Nattokinase ist eine Serinprotease, die beim Fermentieren von Sojabohnen zu Natto entsteht. Sie spaltet Fibrin im Reagenzglas; ob sie das nach dem Schlucken auch im Blut tut, ist nicht geklärt — der Körper baut Eiweiße im Verdauungstrakt normalerweise ab.
  • Die bisher größte Meta-Analyse zu Nattokinase (sechs randomisierte Studien, 546 Teilnehmer) findet nur eine kleine Blutdrucksenkung. Die einzige große Langzeitstudie über drei Jahre fand gar keinen Einfluss auf die Gefäßverkalkung; für Blutfette und Gerinnung ist die Datenlage schwach oder widersprüchlich.
  • Beobachtungsstudien zeigen einen Zusammenhang zwischen Natto-Verzehr und niedrigerer Herz-Kreislauf-Sterblichkeit. Das belegt keine Wirkung des isolierten Enzyms — Natto ist ein ganzes Lebensmittel mit Eiweiß, Ballaststoffen, Vitamin K2 und vielen weiteren Stoffen.
  • In der EU ist Nattokinase kein Arzneimittel und hat keine zugelassene Gesundheitsaussage. Ein standardisierter fermentierter Sojaextrakt ist als neuartiges Lebensmittel bis 100 mg am Tag zugelassen — mit dem Hinweis, dass Menschen unter Medikamenten ihn nur ärztlich begleitet einnehmen sollen.

−3,5mmHg

senkte Nattokinase den systolischen Blutdruck in der Meta-Analyse von sechs randomisierten Studien; diastolisch waren es 2,3 mmHg

546

Teilnehmer umfassten diese sechs gepoolten Studien — mehr Menschen wurden zu Nattokinase und Herz-Kreislauf-Risiken nie gemeinsam ausgewertet

100 mg

darf ein in der EU zugelassener fermentierter Sojaextrakt höchstens täglich liefern, entsprechend 2 000 bis 2 800 FU

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zugelassene Gesundheitsaussagen gibt es in der EU für Nattokinase

Natto ist ein japanisches Lebensmittel aus fermentierten Sojabohnen: klebrig, fadenziehend, mit einem Geruch, an den man sich erinnern wird. Bei der Fermentation mit Bacillus subtilis var. natto entsteht ein Enzym, das 1987 den japanischen Forscher Hiroyuki Sumi auf eine Spur brachte. Er beobachtete, dass ein Natto-Extrakt in der Petrischale Fibrin auflöst — das Eiweißgerüst, aus dem ein Blutgerinnsel besteht. Er nannte das Enzym Nattokinase.

Der Name hält sich, ist aber irreführend: Nattokinase ist keine Kinase, es überträgt keinen Phosphatrest. Es ist eine Serinprotease, ein Eiweiß spaltendes Enzym aus der Familie der Subtilasen. In der Petrischale wirkt es zuverlässig. Die entscheidende Frage ist eine andere — nämlich, ob davon nach dem Schlucken im Blutkreislauf noch etwas ankommt, und ob das gesundheitlich etwas verändert. Genau hier wird es dünn.

Was Nattokinase ist

Nattokinase entsteht, wenn Bacillus subtilis während der Fermentation Sojaeiweiß aufspaltet. Das fertige Enzym besteht aus 275 Aminosäuren, hat eine Masse von rund 28 Kilodalton und gehört zu den Subtilasen. Die Bezeichnung aus der Forschungsliteratur lautet Subtilisin NAT (Sumi et al., 1987).

Die Besonderheit liegt in seiner Stabilität. Anders als viele Enzyme hat Nattokinase keine Disulfidbrücken und bleibt über einen weiten pH-Bereich aktiv, in Laborversuchen bis in den stark alkalischen Bereich. Viele Hersteller setzen deshalb auf magensaftresistente Kapseln, die den Wirkstoff erst im Darm freigeben. Ob dort nennenswerte Mengen aktiven Enzyms in den Blutkreislauf gelangen, ist jedoch nicht geklärt.

Die Aktivität wird in Fibrin-Degradationseinheiten (FU) gemessen. Diese Einheit sagt, wie viel Fibrin ein Präparat unter festgelegten Bedingungen im Reagenzglas abbaut. Sie ist keine Gewichtsangabe: Zwei 100-mg-Kapseln können dieselbe Masse und trotzdem eine unterschiedliche FU-Zahl haben, abhängig von der Reinheit der Charge. Deshalb lässt sich die Dosis von Natto-Enzympräparaten nicht über Milligramm vergleichen, sondern nur über FU.

Wie es wirken soll

Die Mechanik, die in Laboren beschrieben wird, ist mehrsträngig:

  • Nattokinase schneidet Fibrin direkt und zersetzt so ein Gerinnsel.
  • Es wandelt das inaktive Prourokinase in aktives Urokinase um, ein körpereigenes Enzym zur Gerinnselauflösung.
  • Es inaktiviert PAI-1, den wichtigsten Hemmer der körpereigenen Fibrinolyse.
  • Es erhöht die Konzentration des Gewebe-Plasminogen-Aktivators (tPA).
  • In Zellversuchen hemmt es die Thromboxan-Bildung und damit die Verklumpung von Blutplättchen.
  • Für den Blutdruck werden zwei Wege diskutiert: Peptide, die bei der Fermentation entstehen, hemmen das Angiotensin-konvertierende Enzym (ACE); außerdem sinkt die Fibrinogenkonzentration, was die Fließfähigkeit des Blutes erhöht.

Das klingt nach einem breiten Wirkprofil. Der Haken ist nur: Fast alle diese Befunde stammen aus Zellkulturen, aus dem Reagenzglas oder aus Tierversuchen, in denen das Enzym gespritzt wurde. Dort ist es zweifellos wirksam. Bei oraler Aufnahme eines Eiweißmoleküls entscheidet die Frage der Resorption über alles — und genau dazu hält die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in ihrer Bewertung fest, dass die Daten keine Schlüsse darüber zulassen, ob aktives Nattokinase oder wirksame Abbauprodukte in den Körper gelangen.

Nachgemessen hat das eine kleine Pilotstudie aus den USA: Elf gesunde Erwachsene nahmen einmalig 2 000 FU ein, danach wurde über 24 Stunden Blut abgenommen. Ein Antikörpertest wies Nattokinase noch nach, mit einem Gipfel etwa 13 Stunden nach der Einnahme (Ero et al., 2013). Das ist mehr, als man bei einem Eiweiß erwarten würde. Es ist aber kein Wirksamkeitsbeleg: Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, der Test war nicht validiert, und gemessen wurde lediglich, ob ein Eiweiß strukturell erkannt wird — nicht, ob es im Blut noch Fibrin spaltet. Die EFSA hat genau diese Arbeit deshalb nicht als Beleg gewertet.

Was Studien am Menschen zeigen

Blutdruck

Hier ist die Datenlage am besten. Die älteste der neueren randomisierten Studien stammt aus Südkorea: 86 Menschen mit unbehandeltem Bluthochdruck (systolisch 130 bis 159 mmHg) nahmen acht Wochen lang täglich 2 000 FU oder ein Scheinpräparat ein. Nach acht Wochen sank der systolische Blutdruck in der Nattokinase-Gruppe um 5,55 mmHg und der diastolische um 2,84 mmHg stärker als unter Placebo. Auch die Renin-Aktivität nahm ab, ein Hormon des Blutdruck-Regelkreises (Kim et al., 2008). Einschränkung: Es waren 73 Teilnehmer, alle aus einem Zentrum, und auch in der Placebogruppe fiel der Blutdruck deutlich — die gemessene Differenz ist der Unterschied zwischen zwei Gruppen, die beide sanken.

Eine zweite, in Nordamerika durchgeführte Studie mit 79 Teilnehmern und ebenfalls acht Wochen fand einen signifikanten Rückgang des diastolischen Drucks (im Mittel von 87 auf 84 mmHg, bei Männern von 86 auf 81 mmHg), während der systolische Druck nur tendenziell besser war als unter Placebo (Jensen et al., 2016). Die Autoren beobachteten außerdem einen Rückgang des Von-Willebrand-Faktors, eines Gerinnungsmarkers, allerdings vor allem bei Frauen und nur auf dem Niveau eines Trends.

Am aufschlussreichsten ist die Meta-Analyse von 2023. Sie bündelt sechs randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 546 Teilnehmern. Der systolische Druck sank gepoolt um 3,45 mmHg, der diastolische um 2,32 mmHg gegenüber Placebo (Li et al., 2023). Das ist ein realer, aber kleiner Effekt — in der Größenordnung, die man von Alltagsmaßnahmen wie mehr Bewegung kennt, und deutlich unter dem, was ein Blutdruckmedikament leistet. Die Studien waren kurz (meist acht Wochen), die Dosen reichten von 1 200 bis 8 000 FU, und die Teilnehmerzahlen waren klein.

Blutgerinnung und Fibrinogen

Die Gerinnung lässt sich im Blut messen, das ist der Vorteil. In einer offenen, nicht kontrollierten Studie aus Taiwan nahmen 45 Menschen — Gesunde, Dialysepatienten und Herzpatienten — zwei Monate lang zweimal täglich 2 000 FU ein. Fibrinogen sank um 9 %, Faktor VII um 14 %, Faktor VIII um 17 % (Hsia et al., 2009). Das ist ein plausibler Befund, aber die Studie hatte keine Placebokontrolle. Menschen, die ein Präparat einnehmen und ihre Ernährung umstellen, verändern viele Dinge gleichzeitig.

Ein Crossover-Versuch an zwölf gesunden jungen Männern untersuchte die Wirkung einer einmaligen Dosis von 2 000 FU. Danach stiegen die Fibrinabbauprodukte und die D-Dimere, die aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT) verlängerte sich leicht, Faktor VIII fiel leicht. Alle Werte blieben jedoch im Normbereich (Kurosawa et al., 2015). Die Autoren schließen daraus auf eine verstärkte Fibrinolyse; kritisch betrachtet zeigt die Studie vor allem, dass eine Einzeldosis das Gerinnungssystem messbar, aber diskret bewegt.

Blutfette

Die Werbung verspricht oft auch niedrigere Cholesterinwerte. Die Meta-Analyse von 2023 findet dafür keinen Nutzen: Für die Blutfette waren die gepoolten Schätzungen widersprüchlich und teils gegenläufig, was die Autoren selbst auf die Heterogenität der kleinen Studien zurückführen. Eine neuere randomisierte Studie an 178 Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit prüfte Nattokinase in Kombination mit rotem Hefereis und fand die Kombination bei Blutfetten und Blutdruck überlegen — rotes Hefereis enthält aber Monacolin K, das chemisch dem Cholesterinsenker Lovastatin entspricht. Der beobachtete Lipideffekt lässt sich daher nicht dem Nattokinase zuschreiben (Liu et al., 2024).

Die einzige große Langzeitstudie

Die kurzen Studien lassen eine Frage offen, die für die Praxis entscheidend ist: Verändert Nattokinase den Verlauf einer Gefäßerkrankung, oder nur ein paar Laborwerte? Dazu gibt es genau eine große, unabhängige und randomisierte Untersuchung.

2021 veröffentlichten Forscher der University of Southern California die Nattokinase-Atherothrombose-Präventionsstudie. 265 gesunde Erwachsene ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung (mittleres Alter 65 Jahre) erhielten doppelblind drei Jahre lang entweder 2 000 FU Nattokinase oder Placebo. Gemessen wurde per Ultraschall die Intima-Media-Dicke der Halsschlagader — die Wandstärke, die als Frühzeichen der Arterienverkalkung gilt — sowie die Gefäßsteifigkeit. Das Ergebnis war so klar wie nüchtern: kein Unterschied zwischen Enzym und Placebo, weder bei den Gefäßen noch beim Blutdruck noch bei einem der vielen Laborwerte, einschließlich Gerinnungs- und Entzündungsmarker (Hodis et al., 2021). Die Autoren sprechen selbst von einem Nullergebnis.

Das ist die stärkste Einzelstudie zum Thema, und sie widerspricht dem Eindruck, den Werbeseiten erzeugen. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Untersucht wurden Gesunde mit niedrigem Risiko, nicht Menschen mit bereits nachgewiesener Gefäßerkrankung; und die Dosis lag mit 2 000 FU niedrig. Ob höhere Dosen bei kranken Menschen etwas ändern, ist damit nicht beantwortet — aber es ist eben auch nicht belegt.

Die viel zitierte 1.062-Personen-Studie

Viele Ratgeberseiten verweisen auf eine chinesische Studie mit 1 062 Teilnehmern, 10 800 FU täglich über zwölf Monate. Die berichteten Zahlen sind beeindruckend: Cholesterin und LDL fielen um 15 bis 18 Prozent, das HDL stieg um 16 Prozent, die Intima-Media-Dicke der Halsschlagader sank um 22 Prozent und die Größe der Plaques um 36 Prozent (Chen et al., 2022).

Wer die Methode liest, wird vorsichtig. Es war eine retrospektive Auswertung von Behandlungsakten, ohne Kontrollgruppe. Die Teilnehmer wurden nur mit sich selbst vor und nach der Einnahme verglichen. Damit lässt sich die Wirkung des Enzyms nicht von dem trennen, was ohnehin geschieht: Wer ein Präparat nimmt, verändert häufig auch Ernährung und Bewegung, und Messwerte schwanken über ein Jahr von Natur aus. Dazu kommt, dass mehrere Autoren für den Hersteller des Produkts arbeiten und von einem Zusatznutzen von Aspirin berichten — genau die Kombination, die im Fallbericht unten mit einer Hirnblutung in Verbindung gebracht wurde. Die Studie kommt außerdem zu dem Schluss, dass 2 000 FU wirkungslos seien und es 10 800 FU brauche — eine Dosis, für die es keine unabhängige Bestätigung gibt und die weit über dem in der EU zugelassenen Rahmen liegt.

Eine weitere chinesische Arbeit verglich 6 000 FU Nattokinase mit 20 mg Simvastatin an 76 Patienten über 26 Wochen. Beide Gruppen verbesserten sich, die Enzymgruppe stärker bei den Plaques, die Statingruppe stärker bei den Blutfetten (Ren et al., 2017). Auch hier fehlt eine Placebogruppe — ohne sie lässt sich die Verbesserung nicht sicher dem Präparat zuschreiben.

Schlaganfall und Rehabilitation

Für die Zeit nach einem Schlaganfall gibt es eine kleine randomisierte Studie: 61 Patienten in der subakuten Phase erhielten zusätzlich zur Standardbehandlung ein Nattokinase-Präparat oder nur die Standardbehandlung. Nach 60 Tagen waren die Funktionswerte in der Ergänzungsgruppe besser (Pham et al., 2020). Die Studie war einfach verblindet, klein, und der Zusatz war ein konkretes Markenprodukt. Belastbar ist das nur als Hinweis, nicht als Beleg.

Natto ist nicht Nattokinase

Die stärksten Daten zum Thema stammen gar nicht vom isolierten Enzym, sondern vom ganzen Lebensmittel. Mehrere große japanische Beobachtungsstudien untersuchten, ob Menschen, die viel Natto essen, seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben.

  • In der Takayama-Studie mit rund 29 000 Erwachsenen über 16 Jahre war die höchste Natto-Aufnahme mit einem um 25 % niedrigeren Risiko für Herz-Kreislauf-Sterblichkeit verbunden. Für Sojaeiweiß und Sojaisoflavone aus anderen Quellen fand sich dieser Zusammenhang nicht (Nagata et al., 2016).
  • Eine noch größere Auswertung aus Japan mit knapp 93 000 Teilnehmern und fast 15 Jahren Beobachtung bestätigte den Trend: Natto war mit niedrigerer Herz-Kreislauf-Sterblichkeit assoziiert, in beiden Geschlechtern (Katagiri et al., 2020).
  • Eine Kohorte an 1 548 Männer über 65 Jahre fand für den regelmäßigen Natto-Konsum eine niedrigere Gesamtsterblichkeit (Fujita et al., 2025).

Solche Beobachtungen sind wertvoll, aber sie beweisen keine Ursache. Wer regelmäßig Natto isst, unterscheidet sich in vielen Lebensgewohnheiten von Menschen, die es nie tun — die Studien rechnen für einiges davon heraus, aber Restverwechslung bleibt möglich. Und Natto ist mehr als sein Enzym: Es liefert hochwertiges Eiweiß, Ballaststoffe, Vitamin K2, Isoflavone und Bakterienkulturen. Der beobachtete Nutzen lässt sich dem isolierten Nattokinase nicht zuordnen. Dass ausgerechnet Natto und nicht Miso oder Tofu hervorstach, kann auch an deren unterschiedlichem Salzgehalt liegen.

Die Rechtslage in der EU

Nattokinase ist in der Europäischen Union kein Arzneimittel, sondern wird als Lebensmittelzusatz oder Nahrungsergänzung angeboten. Diese Einordnung hat Folgen: Für Arzneimittel muss die Wirksamkeit belegt werden, für Lebensmittel nicht.

2016 bewertete die EFSA einen standardisierten fermentierten Sojaextrakt (NSK-SD) als neuartiges Lebensmittel und hielt ihn unter den beantragten Bedingungen für sicher — bis zu 100 mg am Tag für Erwachsene. 2017 wurde das Produkt als neuartiges Lebensmittel zugelassen, mit zwei klaren Auflagen (EFSA, 2016; Kommission, 2017):

  • Die Tagesdosis darf 100 mg des Extrakts nicht überschreiten, das entspricht rund 2 000 bis 2 800 FU.
  • Die Verpackung muss den Hinweis tragen, dass Menschen, die Medikamente einnehmen, das Produkt nur unter ärztlicher Aufsicht konsumieren sollen.

Für Nattokinase gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Aussage. Wer damit wirbt, dass Nattokinase das Blut verdünnt, die Gefäße schützt oder Thrombosen vorbeugt, bewegt sich außerhalb dessen, was die Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben zulässt. Die EFSA hat eine solche Aussage nie positiv bewertet.

Sicherheit: das wichtigste Kapitel

Die EFSA stützte ihre Sicherheitsbewertung im Wesentlichen auf eine 90-Tage-Toxizitätsstudie an Ratten. Der höchste Dosisbereich ohne beobachtete Nebenwirkung lag bei 1 000 mg pro Kilogramm Körpergewicht. Im Verhältnis zur beim Menschen erlaubten Menge ergibt das einen Sicherheitsabstand von rund 700 (bezogen auf die Menge) beziehungsweise 550 (bezogen auf die Enzymaktivität). Die Behörde stellte ausdrücklich fest, dass die vorliegenden Humanstudien zu schwach und zu inkonsistent waren, um daraus auf die langfristige Sicherheit zu schließen — der Abstand beruht also auf Tierdaten, nicht auf Erfahrung am Menschen.

Gravierender als die Frage nach dem Sicherheitsabstand ist die Frage nach der Wechselwirkung. Nattokinase greift, wenn es wirkt, genau dort an, wo auch blutgerinnungshemmende Medikamente angreifen. Daraus folgt:

  • Acetylsalicylsäure (Aspirin) und andere Thrombozytenaggregationshemmer: Es gibt einen dokumentierten Fall, in dem eine 52-jährige Frau, die wegen eines Schlaganfalls niedrigdosiertes Aspirin und ein Blutdruckmedikament nahm, nach sieben Tagen mit 400 mg Nattokinase täglich eine Kleinhirnblutung erlitt (Chang et al., 2008). Ein Einzelfall beweist keinen Ursachenzusammenhang, ist aber ein Warnsignal, das zur Pharmakologie passt.
  • Antikoagulanzien wie Warfarin, Heparin oder direkte orale Antikoagulanzien: Eine verstärkte Blutungsneigung ist theoretisch plausibel. Wer solche Medikamente einnimmt, sollte Nattokinase nicht eigenmächtig ergänzen.
  • Natto als Lebensmittel, nicht als Extrakt: Natto ist reich an Vitamin K2, das die Wirkung von Warfarin abschwächt. Der zugelassene Extrakt entfernt Vitamin K2 weitgehend. Das ist ein praktisch wichtiger Unterschied: Vitamin-K-haltiges Natto und ein Vitamin-K-freier Extrakt verhalten sich bei Warfarin-Patienten nicht gleich.
  • Vor Operationen und Eingriffen: Fibrinolytisch wirkende Präparate sollten rechtzeitig abgesetzt werden; Empfehlungen nennen einen Abstand von mindestens zwei Wochen vor und nach einem Eingriff. Die konkrete Frist gehört in die Absprache mit dem behandelnden Arzt.
  • Allergie: Nattokinase selbst ist als Allergen beschrieben (Bac s 1). Bei Natto sind außerdem schwere Reaktionen bis zur Anaphylaxie dokumentiert, teils ausgelöst durch Poly-Gamma-Glutaminsäure, einen weiteren Bestandteil des fermentierten Produkts (Suzuki et al., 2023). Die EFSA hält das Allergierisiko eines Extraktpräparats für vergleichbar mit dem anderer Sojaprodukte; die Kennzeichnungspflicht besteht.

Was in Präparaten steckt — und was man nicht messen kann

Bei einem Enzympräparat ist der Wirkstoff das Produkt. Die Angabe „Nattokinase“ allein sagt wenig: Entscheidend sind die FU pro Dosis, die Reinheit und die Frage, ob Vitamin K2 entfernt wurde. Zwei Produkte mit derselben Milligrammzahl können sich in der Aktivität deutlich unterscheiden, und Chargen desselben Herstellers können schwanken. Wer ein Präparat auswählt, sollte auf eine deklarierte FU-Angabe achten — nicht auf das Gewicht der Kapsel.

Was es nicht gibt, ist ein zuverlässiger Labortest, mit dem sich eine „Nattokinase-Wirkung“ im Alltag überprüfen lässt. Anders als bei Vitamin D oder Selen, wo ein Blutwert die Versorgung zeigt, lässt sich aus Fibrinogen, D-Dimer oder aPTT nicht ablesen, ob ein Enzympräparat im gewünschten Sinn wirkt. Diese Werte können sich verändern, aber sie sind nicht eindeutig interpretierbar, und eine verstärkte Fibrinolyse ist im Labor nicht dasselbe wie ein verringertes Krankheitsrisiko.

Fazit

Nattokinase ist ein reales Enzym mit einer interessanten Biologie: Es spaltet Fibrin und beeinflusst in Labor- und Kurzzeitstudien die Fließeigenschaften des Blutes — die Verklumpung roter Blutkörperchen und die Viskosität nehmen ab, und in mehreren kontrollierten Studien sank der Blutdruck leicht. Die einzige große Langzeitstudie fand bei gesunden Menschen mit niedrigem Risiko keinen messbaren Einfluss auf die Gefäßwand. Das spricht dafür, dass Nattokinase unterstützend wirkt und nicht als Therapie.

Bei gesunden Menschen ist das Nebenwirkungsprofil in den vorliegenden Studien unauffällig: Anders als Acetylsalicylsäure oder Antikoagulanzien, die bei regelmäßiger Einnahme mit Blutungs- und Magenrisiken verbunden sind, wurden unter Nattokinase keine bedeutenden Nebenwirkungen berichtet — die relevante Ausnahme ist die Soja- bzw. Natto-Allergie. Weil das Enzym aber an der Gerinnung ansetzt, gehört die Einnahme für Menschen, die Blutverdünner einnehmen, in die Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt — und nicht in die Eigenregie. Nattokinase kann eine gut verträgliche, unterstützende Ergänzung sein; es ersetzt keine Behandlung.

Quellen

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Frage 1 von 3

  1. Was ist Nattokinase?

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