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Vitamin B12: Wenn der Magen die Aufnahme bremst

Atrophische Gastritis und Säureblocker sind häufige Gründe, warum Vitamin B12 aus der Nahrung nicht mehr ankommt. Wer besonders betroffen ist, wie groß das Risiko wirklich ist und warum Präparate trotzdem wirken.

Vera von Petzinger9 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

3 Gedanken, die dieser Beitrag begründet.

  • Für Vitamin B12 aus der Nahrung braucht der Körper Magensäure und den Intrinsic Factor. B12 aus Präparaten ist dagegen schon frei und braucht keine Magensäure.
  • Eine atrophische Gastritis wird mit dem Alter häufiger und tritt gehäuft mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse und Typ-1-Diabetes auf. Ihre autoimmune Form führt im Spätstadium zur perniziösen Anämie.
  • Wer mindestens zwei Jahre Säureblocker nimmt, hat häufiger einen B12-Mangel. Dass Protonenpumpenhemmer die Bildung des Intrinsic Factor drosseln, ist nicht belegt.

8,7 %

der 70- bis 74-Jährigen in Deutschland haben laut Bluttest eine atrophische Gastritis

1,9 %

der über 60-Jährigen haben in einer US-Studie eine unerkannte perniziöse Anämie

+65 %

häufiger B12-Mangel nach mindestens zwei Jahren mit Protonenpumpenhemmern

Vitamin B12 aus der Nahrung ist fest an Eiweiß gebunden. Damit der Körper es aufnehmen kann, muss Magensäure es zuerst freisetzen, und die Magenschleimhaut muss den Intrinsic Factor bilden, ohne den B12 im Dünndarm kaum aufgenommen wird. Genau hier setzen zwei häufige Probleme an: die atrophische Gastritis und die Einnahme von Säureblockern.

B12 aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln liegt dagegen schon frei vor und braucht keine Magensäure. Den ganzen Weg vom Essen in die Zelle und die Unterschiede der B12-Formen beschreibt der Beitrag Vitamin B12: Eine kritische Betrachtung der verschiedenen Formen.

Der Weg von Vitamin B12 vom Magen über den Dünndarm ins Blut, in die Leber und in die Zellen, mit den Trägereiweißen und den Stellen, an denen die Aufnahme gestört sein kann
Magensäure und Intrinsic Factor sind die Nadelöhre der Aufnahme. Präparate überspringen den ersten Schritt, von hohen Dosen gelangt ein kleiner Teil auch ohne Intrinsic Factor ins Blut.

Atrophische Gastritis: Wer betroffen ist

Bei einer atrophischen Gastritis ist die Magenschleimhaut durch eine lang anhaltende Entzündung geschrumpft. Sie bildet dann weniger Magensäure, in der autoimmunen Form auch weniger Intrinsic Factor. Es gibt zwei Hauptformen:

  • Durch Helicobacter pylori: Eine jahrelange Infektion mit diesem Magenbakterium ist die häufigste Ursache. Wird die Infektion behandelt, kann sich die Schleimhaut teilweise erholen.
  • Autoimmun: Das Immunsystem greift die Belegzellen des Magens an, die Säure und Intrinsic Factor bilden. Im Spätstadium fehlt der Intrinsic Factor, und es entsteht eine perniziöse Anämie.

Besonders betroffen sind:

  • Ältere Menschen: Die Häufigkeit steigt mit dem Alter. In einer großen deutschen Studie hatten laut Bluttest 4,8 % der 50- bis 54-Jährigen und 8,7 % der 70- bis 74-Jährigen eine atrophische Gastritis. In einer US-Studie mit 60- bis 99-Jährigen waren es 31,5 %, gemessen mit einem anderen Grenzwert. Unter Menschen über 60 hatten in einer weiteren US-Studie 1,9 % eine unerkannte perniziöse Anämie, Frauen mit 2,7 % etwa doppelt so oft wie Männer mit 1,4 %. Nach einer Übersichtsarbeit gehen mehr als 60 % der B12-Mängel älterer Menschen darauf zurück, dass B12 aus der Nahrung nicht mehr freigesetzt wird.
  • Menschen mit anderen Autoimmunerkrankungen: Die autoimmune Form tritt gehäuft zusammen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse wie Hashimoto auf. Nach Übersichtsarbeiten hat sie bis zu ein Drittel dieser Menschen, je nach Untersuchungsmethode aber auch deutlich weniger. Bei Typ-1-Diabetes ist sie drei- bis fünfmal häufiger als in der übrigen Bevölkerung. Mehr zum Hintergrund steht im Beitrag Autoimmun-Erkrankungen.

Die Erkrankung bleibt oft lange unbemerkt oder zeigt sich nur mit unspezifischen Magenbeschwerden. Bei der autoimmunen Form fällt häufig zuerst ein Eisenmangel auf, oft Jahre vor dem B12-Mangel und vor allem bei jüngeren Frauen.

Sicher feststellen lässt sie sich nur mit einer Magenspiegelung und Gewebeproben aus mehreren Bereichen des Magens. Bluttests auf Pepsinogen und auf Antikörper gegen Belegzellen oder Intrinsic Factor geben Hinweise, zugleich sollte auf Helicobacter pylori getestet werden. Die Diagnose ist auch wegen des Krebsrisikos wichtig: Die autoimmune Form erhöht vor allem das Risiko für meist langsam wachsende neuroendokrine Tumoren des Magens, fortgeschrittene Formen auch das Risiko für Magenkrebs. Europäische Fachgesellschaften empfehlen dann regelmäßige Magenspiegelungen, je nach Form alle drei bis fünf Jahre.

Säureblocker und Vitamin B12

Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol oder Pantoprazol und H2-Blocker wie Famotidin senken die Magensäure. Für Vitamin B12 bedeutet das:

  • B12 aus der Nahrung wird schlechter frei. Unter 20 bis 40 mg Omeprazol täglich sank die Aufnahme von eiweißgebundenem B12 in Studien schon nach ein bis zwei Wochen auf weniger als die Hälfte, bei der höheren Dosis teils auf etwa ein Zehntel.
  • B12 aus Präparaten wird weiter aufgenommen. Freies B12 braucht keine Magensäure. Seine Aufnahme blieb unter Omeprazol unverändert.
  • Der Intrinsic Factor bleibt erhalten. Häufig heißt es, Protonenpumpenhemmer drosselten auch seine Bildung. In einer Studie blieb seine Ausschüttung unter Omeprazol aber unverändert. H2-Blocker senken sie etwas, freies B12 wurde darunter trotzdem normal aufgenommen.

Wie groß das Risiko im Alltag ist, zeigt eine US-Studie mit rund 26.000 Menschen mit B12-Mangel und 184.000 Vergleichspersonen. Wer mindestens zwei Jahre Protonenpumpenhemmer genommen hatte, hatte etwa 65 % häufiger einen Mangel, bei H2-Blockern waren es etwa 25 %. Bei mehr als 1,5 Tabletten Protonenpumpenhemmer am Tag war ein Mangel rund doppelt so häufig. Auf etwa 67 Menschen über 50, die zwei Jahre oder länger Säureblocker nehmen, kommt nach dieser Schätzung ein zusätzlicher Fall von B12-Mangel. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis. Zusammenfassungen mehrerer Studien kommen zu ähnlichen, teils schwächeren Werten.

Weil die Speicher lange reichen, entwickelt sich ein Mangel meist erst nach Jahren. Bei Patienten, die wegen einer seltenen Erkrankung mit übermäßiger Magensäure im Schnitt 4,5 Jahre Omeprazol nahmen, hatten 6 % danach niedrige B12-Werte, fast nur diejenigen ganz ohne Magensäure.

Ob Langzeitanwender ihr B12 regelmäßig messen lassen sollten, sehen Fachleute unterschiedlich. Die amerikanische Gastroenterologen-Gesellschaft rät von einer routinemäßigen Kontrolle ab. Die deutsche Leitlinie zur Refluxkrankheit hält das Risiko für gering und gibt keine Empfehlung. Ein Übersichtsartikel im Deutschen Ärzteblatt schlägt vor, nach etwa zwei Jahren Einnahme B12 und Blutbild zu kontrollieren.

Fazit

Magensäure und Intrinsic Factor sind die Nadelöhre der B12-Aufnahme aus der Nahrung. Eine atrophische Gastritis betrifft vor allem ältere Menschen und Menschen mit anderen Autoimmunerkrankungen. Sie bleibt oft lange unbemerkt und sollte wegen des Krebsrisikos ärztlich abgeklärt und kontrolliert werden. Säureblocker erhöhen das Risiko für einen Mangel mäßig und meist erst nach Jahren.

In beiden Fällen gilt: B12 aus Präparaten braucht keine Magensäure und wird weiter aufgenommen. Fehlt der Intrinsic Factor, gehört die Behandlung in ärztliche Hand. Warum ältere Menschen Vitamin B12 in den meisten Fällen ergänzen sollten, steht im Fazit des Beitrags über die B12-Formen.

Quellen

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Frage 1 von 3

  1. Was braucht der Körper, um Vitamin B12 aus der Nahrung aufzunehmen?

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