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Mikronährstoffe & Co

Vitamin B12: Eine kritische Betrachtung der verschiedenen Formen

Es gibt zahlreiche Formen von Vitamin B12, wie etwa Cyanocobalamin, Methylcobalamin und Adenosylcobalamin. Doch nicht alle Formen sind gleich, und es gibt kontroverse Debatten darüber, welche Form am effektivsten ist.

Vera von PetzingerAktualisiert: 11 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

4 Gedanken, die dieser Beitrag begründet.

  • Alle vier Formen von Vitamin B12 können einen Mangel ausgleichen: Die Zelle baut jede zuerst zu derselben Vorstufe um und stellt daraus beide aktiven Formen selbst her.
  • Cyanocobalamin ist günstig und stabil. Bei eingeschränkter Nierenfunktion sind die natürlichen Formen die vorsichtigere Wahl. Dass Methylcobalamin besser wirkt, ist nicht belegt.
  • Ältere Menschen sollten Vitamin B12 in den meisten Fällen ergänzen, weil sie es aus der Nahrung oft schlechter aufnehmen. B12 aus Präparaten braucht dafür keine Magensäure.
  • Aussagekräftiger als der B12-Wert im Blut sind Holo-Transcobalamin und Methylmalonsäure. Einen Mangel sollte man ärztlich abklären lassen.

Vitamin B12, auch als Cobalamin bekannt, ist ein essentielles Vitamin, das für viele Prozesse im menschlichen Körper nötig ist, wie die DNA-Synthese, die Bildung von roten Blutkörperchen und die Unterstützung des Nervensystems. Es gibt zahlreiche Formen von Vitamin B12, wie etwa Cyanocobalamin, Methylcobalamin, Adenosylcobalamin und Hydroxocobalamin. Doch nicht alle Formen sind gleich, und es gibt kontroverse Debatten darüber, welche Form am effektivsten ist. In diesem Artikel werden wir einen kritischen Blick auf die verschiedenen Formen von Vitamin B12 werfen und diskutieren, welche Vor- und Nachteile sie haben.

Der Weg vom Essen in die Zelle

Bis Vitamin B12 in einer Zelle ankommt, hängt es nacheinander an drei verschiedenen Transporteiweißen:

Der Weg von Vitamin B12 vom Magen über den Dünndarm ins Blut, in die Leber und in die Zellen, mit den Trägereiweißen und den Stellen, an denen die Aufnahme gestört sein kann
Präparate überspringen den ersten Schritt, und von hohen Dosen gelangt ein kleiner Teil auch ohne Intrinsic Factor ins Blut. Deshalb können Tabletten auch bei gestörter Aufnahme wirken.
  1. Magen: Magensäure und das Verdauungsenzym Pepsin lösen B12 aus dem Eiweiß der Nahrung. Danach bindet es an Haptocorrin, ein Eiweiß aus Speichel und Magenschleimhaut. B12 aus Präparaten und angereicherten Lebensmitteln liegt bereits frei vor und braucht diesen Schritt nicht.
  2. Zwölffingerdarm: Enzyme der Bauchspeicheldrüse bauen Haptocorrin ab. Das B12 geht an den Intrinsic Factor über, ein Eiweiß, das die Magenschleimhaut bildet.
  3. Ende des Dünndarms: Ein Rezeptor in der Darmwand nimmt B12 zusammen mit dem Intrinsic Factor auf. Er ist schnell ausgelastet: Pro Mahlzeit gelangen auf diesem Weg nur etwa 1,5 bis 2,5 µg ins Blut. Unabhängig davon tritt bis zu etwa 1 % einer Dosis ohne Intrinsic Factor durch die Darmwand, bei 1.000 µg also rund 10 µg. Deshalb können hoch dosierte Tabletten einen Mangel auch dann beheben, wenn der Intrinsic Factor fehlt.
  4. Blut: Nur etwa 10 bis 30 % des B12 im Blut sind an Transcobalamin gebunden. Dieser Teil wird an die Körperzellen abgegeben und lässt sich als Holo-Transcobalamin messen. Der Rest hängt an Haptocorrin und wird außer von der Leber kaum aufgenommen.
  5. Leber und Zellen: Die Leber nimmt etwa die Hälfte des aufgenommenen B12 auf. Der Vorrat im ganzen Körper liegt meist bei 2 bis 3 mg und reicht bei intakter Aufnahme mehrere Jahre, denn B12 aus der Galle wird zum großen Teil wieder aufgenommen. Deshalb zeigt sich ein Mangel oft erst Jahre nach seiner Ursache.

Stören können die Aufnahme vor allem:

  • Zu wenig Magensäure, zum Beispiel bei einer atrophischen Gastritis oder unter Säureblockern. Dann wird B12 aus der Nahrung schlecht freigesetzt, B12 aus Präparaten dagegen nicht.
  • Fehlender Intrinsic Factor, etwa bei der perniziösen Anämie oder nach einer Magenoperation.
  • Erkrankungen und Operationen am Dünndarm, etwa Morbus Crohn oder Zöliakie.

Wo Vitamin B12 im Körper arbeitet

Der Körper braucht Vitamin B12 in zwei aktiven Formen. Jede arbeitet an einer anderen Stelle der Zelle:

  • Methylcobalamin wirkt im Zellplasma. Dort hilft es dem Enzym Methionin-Synthase, Homocystein in Methionin umzuwandeln. Aus Methionin entsteht der wichtigste Lieferant von Methylgruppen im Körper, den unter anderem Nerven und Erbsubstanz brauchen. Im selben Schritt wird Folsäure wieder verwertbar, die für die Bildung von DNA und roten Blutkörperchen nötig ist.
  • Adenosylcobalamin wirkt in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Dort hilft es dem Enzym Methylmalonyl-CoA-Mutase beim Abbau von ungeradzahligen Fettsäuren, Cholesterin und den Aminosäuren Valin, Isoleucin, Methionin und Threonin. Das Endprodukt fließt in den Citratzyklus, den zentralen Energiestoffwechsel der Zelle.

Fehlt Vitamin B12, stauen sich die Ausgangsstoffe beider Reaktionen: Im Blut steigen Homocystein und Methylmalonsäure.

Die vier Formen von Vitamin B12 laufen in der Zelle zu einer gemeinsamen Vorstufe zusammen, aus der Methylcobalamin im Zellplasma und Adenosylcobalamin im Mitochondrium entstehen
Aus jeder Form macht die Zelle zuerst dieselbe Vorstufe. Daraus baut sie Methylcobalamin für das Zellplasma und Adenosylcobalamin für die Mitochondrien.

Cyanocobalamin

Cyanocobalamin ist die am häufigsten verwendete Form von Vitamin B12 in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln. In natürlichen Lebensmitteln kommt es nur in Spuren vor. Kritisch diskutiert werden drei Punkte:

  • Künstlichkeit: Cyanocobalamin ist eine synthetische Form von Vitamin B12. Kritiker halten es deshalb für weniger wirksam als die natürlichen Formen. Belegt ist das nicht: Studien zeigen keine eindeutigen Unterschiede zwischen den Formen, weder bei der Aufnahme noch bei der Wirkung.
  • Cyanid: Beim Umbau in der Zelle wird eine Cyanidgruppe frei. Die Menge ist klein: 1.000 µg Cyanocobalamin enthalten rund 19 µg Cyanid. Der Körper wandelt es in Thiocyanat um und scheidet es über die Nieren aus. Für Gesunde gilt das unter Fachleuten als unbedenklich.
  • Nieren: In der DIVINe-Studie erhielten Diabetiker mit Nierenschaden hochdosierte Folsäure, Vitamin B6 und täglich 1 mg Cyanocobalamin. Ihre Nierenfunktion verschlechterte sich schneller als unter Placebo, und Herz-Kreislauf-Ereignisse traten etwa doppelt so häufig auf. Einer der Studienautoren vermutete später das Cyanid als Ursache. Geprüft ist das nicht, ebenso gut kann die hohe Dosis Folsäure verantwortlich sein.

Vorteil: Günstig und stabil.

Methylcobalamin

Methylcobalamin ist eine der beiden aktiven Formen im Körper. In Lebensmitteln findet es sich vor allem in Eigelb und Käse.

  • Aufgabe: Methylcobalamin wird für den Abbau von Homocystein und für Methylierungen gebraucht und ist damit wichtig für gesunde Nerven.
  • Bioverfügbarkeit: Häufig heißt es, Methylcobalamin werde besser aufgenommen, weil es nicht umgewandelt werden müsse. Das stimmt nicht: Die Zelle entfernt die Methylgruppe kurz nach der Aufnahme und baut das Molekül um wie jede andere Form. Eine bessere Aufnahme oder Wirkung ist in Studien nicht belegt.
  • Lichtempfindlichkeit: Unter UV-Licht zerfällt Methylcobalamin schnell zu Hydroxocobalamin. Präparate brauchen deshalb eine lichtdichte Verpackung.

Adenosylcobalamin

Adenosylcobalamin, auch Coenzym B12 genannt, ist die zweite aktive Form. Zusammen mit Hydroxocobalamin ist es die Hauptform von Vitamin B12 in Fleisch, Fisch und anderen tierischen Lebensmitteln.

  • Aufgabe: Adenosylcobalamin wirkt in den Mitochondrien. Es sorgt dafür, dass ungeradzahlige Fettsäuren und bestimmte Aminosäuren abgebaut und im Energiestoffwechsel verwertet werden können.
  • Messbarkeit: Fehlt es, steigt die Methylmalonsäure im Blut und Urin. Der Wert zeigt einen Mangel in den Zellen an, kann aber auch bei eingeschränkter Nierenfunktion erhöht sein.

Hydroxocobalamin

Hydroxocobalamin, oft auch Hydroxycobalamin geschrieben, ist eine natürliche Form und kommt häufig in Lebensmitteln vor. Es entsteht auch, wenn Methylcobalamin Licht abbekommt.

  • Verweildauer: Hydroxocobalamin wird im Blut stärker gebunden als Cyanocobalamin und langsamer ausgeschieden. Nach einer Spritze nimmt der Körper nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie (DGVS) etwa 45 % auf, bei Cyanocobalamin nur 16 %. Die DGVS nennt deshalb Hydroxocobalamin, um leere Speicher bei einem Mangel aufzufüllen.
  • Kein Cyanid: Hydroxocobalamin enthält keine Cyanidgruppe und setzt beim Umbau keines frei.

Die Formen im Vergleich

FormHerkunftAufgabe im KörperBesonderheit
Cyanocobalaminsynthetischwird zu beiden aktiven Formen umgebautgünstig und stabil, setzt Spuren von Cyanid frei
Methylcobalaminnatürlich, vor allem Eigelb und KäseZellplasma: Homocysteinabbau, Methylierunglichtempfindlich
Adenosylcobalaminnatürlich, Hauptform in LebensmittelnMitochondrien: EnergiestoffwechselMangel zeigt sich an erhöhter Methylmalonsäure
Hydroxocobalaminnatürlich, Hauptform in Lebensmittelnwird zu beiden aktiven Formen umgebautbleibt nach einer Spritze am längsten im Körper

Erhöhtes Homocystein

Fehlt Vitamin B12 oder Folsäure, staut sich Homocystein im Blut. Erhöhte Werte gelten als Warnsignal für Herz, Gefäße, Gehirn und Knochen. Ob eine Senkung mit B-Vitaminen vor diesen Krankheiten schützt, ist allerdings weit weniger klar, als oft behauptet wird.

Fazit

Alle vier Formen können einen Vitamin-B12-Mangel ausgleichen, denn die Zelle baut jede von ihnen in die beiden aktiven Formen um. Dass Methylcobalamin grundsätzlich besser aufgenommen wird oder schneller wirkt, ist nicht belegt.

Unterschiede gibt es trotzdem:

  • Cyanocobalamin ist günstig und stabil. Bei eingeschränkter Nierenfunktion sind die natürlichen Formen die vorsichtigere Wahl, solange die Frage nach dem Cyanid nicht geklärt ist.
  • Methylcobalamin und Adenosylcobalamin kommen ohne Cyanid aus. Methylcobalamin braucht Schutz vor Licht.
  • Hydroxocobalamin bleibt am längsten im Körper und eignet sich deshalb besonders für Spritzen.

Ältere Menschen sollten Vitamin B12 in den meisten Fällen ergänzen. Das Institute of Medicine rät allen über 50, ihren Bedarf überwiegend über ein Präparat oder mit B12 angereicherte Lebensmittel zu decken. Es schätzt, dass 10 bis 30 % der Älteren B12 aus der Nahrung nicht ausreichend aufnehmen können, meist wegen einer atrophischen Gastritis. Auch in Deutschland ist ein niedriger Spiegel im Alter häufig: In einer Augsburger Studie hatten 27 % der 65- bis 93-Jährigen einen niedrigen B12-Wert im Blut. Freies B12 aus Präparaten braucht dagegen keine Magensäure. Welche Dosis zur Vorbeugung am besten ist, ist nicht untersucht. Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel höchstens 25 µg pro Tagesdosis, als Vorsichtswert, nicht als Giftigkeitsgrenze. Liegt bereits ein Mangel vor, reicht das oft nicht: Bei älteren Menschen mit leichtem Mangel lag die wirksame Dosis in einer Studie beim mehr als 200-Fachen der empfohlenen Tagesmenge, bei rund 650 bis 1.000 µg täglich. Solche Dosen gehören in ärztliche Begleitung. Das Alter allein ist nach der britischen Leitlinie dagegen kein Grund für einen Bluttest.

Welche Form und Dosis passt, hängt vom eigenen B12-Status ab. Aussagekräftiger als der B12-Wert im Blut sind Holo-Transcobalamin, das sogenannte aktive B12, und die Methylmalonsäure. Homocystein steigt auch bei Folsäuremangel und zeigt einen B12-Mangel deshalb nicht eindeutig an, ist aber ein Anlass, genauer hinzusehen. Einen Mangel sollte man ärztlich abklären lassen, denn er kann auch auf eine Aufnahmestörung im Magen oder Darm zurückgehen.

Quellen

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Frage 1 von 3

  1. Kann die Zelle alle vier Formen von Vitamin B12 verwerten?

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