Zum Inhalt springen
Allgemeines

Geschichte der Medizin: Vom Aderlass zur Schulmedizin

Aderlass, Quecksilber gegen Syphilis, Insulinschock, Lobotomie: Wie eine Heilkunst, die jahrhundertelang auf falschen Annahmen stand, zur wissenschaftlichen Medizin wurde — und warum die Naturheilkunde dabei teils zu Recht, teils aus Machtinteressen an den Rand gedrängt wurde.

Vera von PetzingerAktualisiert: 20 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

4 Gedanken, die dieser Beitrag begründet.

  • Die Schulmedizin ist kein gerader Siegeszug, sondern eine Kette von Irrtümern, die erst durch Messen, Vergleichen und Widerspruch korrigiert wurden.
  • Aderlass, Quecksilber und Insulinschock waren keine Bosheit, sondern die konsequente Anwendung des damaligen Wissensstandes — Autorität ersetzt keine Prüfung.
  • Die Naturheilkunde wurde im 19. Jahrhundert zum Teil zu Recht als unwissenschaftlich kritisiert, zum Teil aus Standes- und Marktinteressen verdrängt.
  • Was die moderne Medizin von der alten unterscheidet, ist nicht mehr Klugheit, sondern die Methode: der kontrollierte Vergleich und die Bereitschaft, lieb gewonnene Irrtümer zu verwerfen.

1846

Zum ersten Mal öffentlich mit Ether narkotisiert — vorher war jede Operation ein Kampf gegen den Schmerz

~18 % → 2 %

So stark sank 1847 die Müttersterblichkeit in Wien, nachdem Semmelweis Händewaschen einführte

40.000–50.000

Lobotomien wurden in den USA durchgeführt — Egas Moniz erhielt 1949 dafür den Nobelpreis

1928

entdeckte Alexander Fleming das Penicillin — der Anfang der Antibiotikaära

Am 14. Dezember 1799 wacht George Washington in Mount Vernon mit Halsschmerzen auf. Es ist kalt, er war am Vortag stundenlang zu Pferd unterwegs. Bis zum Abend ist der erste Präsident der Vereinigten Staaten tot. Dazwischen liegen drei herbeigerufene Ärzte, mehrere Liter abgezapftes Blut, ein Brechmittel auf Quecksilberbasis und ein Einlauf. Rund 2,4 Liter Blut — etwa 40 Prozent seines Blutvolumens — entfernen sie ihm innerhalb weniger Stunden. Sie handelten dabei nicht aus Grausamkeit. Sie taten, was die beste damalige Medizin vorschrieb.

Genau darin liegt der Schrecken: Washington starb nicht an der Unwissenheit einzelner Ärzte, sondern an der Medizin seiner Zeit. Wer die Geschichte der Heilkunst verstehen will, muss deshalb nicht bei den Scharlatanen anfangen, sondern bei den angesehensten Köpfen — und bei den Annahmen, die sie für selbstverständlich hielten.

Bevor es die Schulmedizin gab

Heilen ist so alt wie die Menschheit. Knochenfunde zeigen Schädel, die schon in der Steinzeit aufgebohrt wurden. Diese Trepanation ist der älteste bekannte chirurgische Eingriff. Einige der Patienten überlebten ihn um Monate oder Jahre — das verrät der neue Knochen, der die Öffnung wieder verschloss. Warum man es tat, weiß niemand. Vermutet werden Kopfverletzungen, Anfälle, Besessenheit oder einfach der Versuch, Druck und „böse Geister“ entweichen zu lassen.

Die vier Säfte

Den entscheidenden Schritt aus dem Reich der Dämonen heraus machte die griechische Medizin. Um 400 vor Christus trennte Hippokrates die Krankheit von den Göttern. In seiner Schrift Über die heilige Krankheit argumentiert er, die Epilepsie — bis dahin als Strafe einer Gottheit oder als Besessenheit gedeutet — sei ein Leiden des Gehirns. Das war eine intellektuelle Revolution.

Nur: Die Erklärung, die er an ihre Stelle setzte, war falsch. Hippokrates und seine Schule beschrieben den Körper über vier Säfte — Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Gesundheit war das richtige Mischungsverhältnis, Krankheit die Störung dieses Gleichgewichts. Fieber hieß zu viel Blut, also zapfte man welches ab. Diese Humoralpathologie sollte die Medizin fast zweitausend Jahre regieren.

Galen und die Macht der Autorität

Der römische Arzt Galen von Pergamon brachte im zweiten Jahrhundert das gesamte damalige Wissen in ein bestechend geschlossenes System. Er behandelte Gladiatoren, dachte sich ein kompliziertes Zusammenspiel der Säfte aus und blieb bis weit über seinen Tod hinaus maßgeblich. Sein Werk passte zur christlichen Lehre, wurde in Klöstern abgeschrieben und an Universitäten gelehrt.

Der Preis dieser Bewunderung war hoch. Galen hatte vor allem Tiere seziert — Schweine, Affen, Ziegen — und Rindersergebnisse auf den Menschen übertragen. Vieles war deshalb schlicht falsch, etwa seine Vorstellung, das Blut entstehe in der Leber und fließe zum Verbrauch in die Organe. Trotzdem galt er als unfehlbar. Wer ihm widersprach, widersprach nicht einer Theorie, sondern der Autorität schlechthin.

Das mittelalterliche Europa mischte den Galenismus mit Klostermedizin und Kräuterkunde, etwa der von Hildegard von Bingen. Daneben verlor sich die Praxis in Harnschau, Aderlass nach dem Laßzettel, der markierte, an welcher Stelle des Jahres welche Ader zum Öffnen war, und in der Arbeit der Bader und Wundärzte, die mehr Handwerk als Heilkunde betrieben. Fortschritt entstand vor allem dort, wo Anatomie betrieben wurde — lange gegen den Widerstand der Lehrmeinung.

Wie der Begriff „Schulmedizin“ entstand

Das Wort, um das sich alles dreht, ist selbst ein Kampfbegriff. „Schulmedizin“ wurde nicht von der Universitätsmedizin erfunden, sondern gegen sie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts benutzten Homöopathen und Naturheilkundler es abwertend, um die akademische Medizin als borniertes „Schulsystem“ zu brandmarken. Der homöopathische Arzt Franz Fischer verwendete den Ausdruck 1876, in den 1880er Jahren machte ihn der Laienhomöopath Heinrich Milbrot als Schlagwort gegen die „Allopathie“ populär.

Das erklärt, warum der Begriff bis heute schillert. Wer ihn benutzt, meint einmal die um wissenschaftliche Grundsätze bemühte Universitätsmedizin, ein anderes Mal eine amtsstaatliche Einheitslehre. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde daraus sogar eine neue Kategorie: Die „verjudete Schulmedizin“ sollte durch eine „Neue Deutsche Heilkunde“ aus Volks- und Naturheilverfahren ersetzt werden — ein dunkles Kapitel, das zeigt, wie sehr Medizin und Ideologie sich verflechten können. Heute ist „Schulmedizin“ weitgehend wertneutral, und viele Fachleute ziehen den genaueren Ausdruck „wissenschaftlich orientierte Medizin“ vor.

Der Kern des Vorwurfs von damals war übrigens nicht aus der Luft gegriffen. Die akademische Medizin des frühen 19. Jahrhunderts praktizierte die sogenannte heroische Medizin: blutentziehende, abführende und brechenerregende Kuren in großem Stil. Gegen diese Gift- und Drastikmedizin entstand die Naturheilkunde als Abwehrreflex — zu Recht. Nur half die Alternative, die sie anbot, oft nicht weiter, weil sie dieselbe Krankheit durch ein anderes, ebenso unbewiesenes System erklärte.

Die großen Irrtümer

Der Aderlass

Kein Irrtum hat die Medizin so lange beherrscht wie der Aderlass. Mehr als zweitausend Jahre lang war er die Standardantwort auf Fieber, Entzündung, Schlaganfall und fast alles andere, weil er direkt aus der Säftelehre folgte. Im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts trieb der Arzt François Broussais das Verfahren auf die Spitze. Er ließ Abertausende Blutegel importieren und behandelte ganze Epidemien mit dem Messer.

Den ersten ernsthaften Rückschlag erlitt die Lehre 1835 durch Pierre Charles Alexandre Louis. Er zählte die Patienten mit Lungenentzündung, die zur Ader gelassen wurden, und verglich sie mit denen, bei denen man darauf verzichtete. Das Ergebnis: kein Vorteil. Damit erfand Louis mehr als die Widerlegung des Aderlass — er erfand die klinische Statistik, die Idee, medizinische Fragen durch Zählen und Vergleichen zu entscheiden statt durch Lehrmeinung. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich das durchsetzte.

Heute wissen wir: Blutentzug kann tatsächlich helfen — aber nur bei wenigen, dafür passenden Krankheiten. Bei der Polycythaemia vera, bei der Hämochromatose und der Porphyria cutanea tarda ist das Blutlassen bis heute eine anerkannte Therapie. Der Fehler war nie, dass Blut abnehmen wirkungslos ist. Der Fehler war, es gegen alles anzuwenden, weil eine falsche Theorie es nahelegte.

Quecksilber gegen Syphilis

Als die Syphilis um 1500 in Europa ausbrach, stand die Medizin vor einem Rätsel. Wenige Jahrzehnte später wurde Quecksilber zum Standardmittel — eingerieben, eingenommen oder als Dampf eingeatmet, oft über Wochen. Der Merksatz „Eine Nacht mit Venus, ein Lebenslänglich mit Merkur“ beschreibt den Alltag. Die Behandlung war so gefürchtet wie die Krankheit. Das Quecksilber verursachte Speichelfluss, ausfallende Zähne, Nierenschäden und Nervengifte; manche Patienten dürften daran früher gestorben sein als an der Infektion.

Paracelsus brachte das Quecksilber im 16. Jahrhundert programmatisch in die Medizin. Erst um 1900 änderte sich das Tempo. 1905 identifizierten Schaudinn und Hoffmann den Erreger Treponema pallidum, 1906 entstand der Wassermann-Test. Paul Ehrlich und Sahachiro Hata entwickelten 1909 mit Salvarsan das erste gezielt gegen einen Erreger gerichtete Medikament der Geschichte — ein Arsenpräparat, giftig und unbequem, aber ein Durchbruch, weil es zum ersten Mal eine rationale, gegen den Erreger gerichtete Chemotherapie war. Die zweite Idee der Zeit war noch verzweifelter: Julius Wagner-Jauregg versetzte Syphilis-Patienten absichtlich mit Malaria in Fieber, um das Immunsystem anzustacheln — 1927 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Erst das Penicillin in den 1940er Jahren machte die Syphilis zu einer heilbaren Krankheit. Quecksilber verschwand aus der Therapie und kehrte als anerkannter Nervenschadstoff in die Toxikologie zurück.

Epilepsie und die „heilige Krankheit“

Die Epilepsie trug lange den Namen morbus sacer, die heilige Krankheit, weil man in dem plötzlichen Anfall eine göttliche Visitation sah. Schon Hippokrates widersprach dem — doch es dauerte bis weit ins 19. Jahrhundert, bis sich die Vorstellung durchsetzte, dass ein Anfall im Gehirn entsteht. Bis dahin waren die Behandlungen so hilflos wie grausam: Aderlass, Brechmittel, Kräuter, Brennen und vereinzelt auch wieder die Trepanation. Das Mittelalter erklärte den Anfall mal zur Besessenheit, mal zum Wunder, und setzte auf Gebete und den heiligen Valentin.

Wirklich wirksam wurde die Medizin erst mit Medikamenten. 1857 führte Charles Locock Kaliumbromid ein, das erste brauchbare Antikonvulsivum, 1912 folgte das länger verträgliche Phenobarbital. Seither ist die Epilepsie für viele Betroffene gut behandelbar. Vor allem aber verschob sich die Erklärung endgültig ins Körperliche. Aus der heiligen wurde eine neurologische, im Prinzip gewöhnliche Erkrankung — mit teils schweren sozialen Folgen, die bis heute andauern.

Psychische Erkrankungen: Ketten, Fieber, Insulinschock, Lobotomie

Die Psychiatrie der vorletzten Jahrhunderte ist eine Chronik dessen, was geschieht, wenn man Kranke für gefährlich und unheilbar zugleich hält. Noch 1793 war der französische Arzt Philippe Pinel berühmt dafür, dass er die Fesseln seiner Patientinnen und Patienten im Pariser Irrenhaus Bicêtre löste. Manche Anstalten setzten stattdessen auf „moralische Behandlung“ aus Ordnung, Arbeit und Strenge — ehrlicherweise eine Mischung aus Fürsorge und Zwang.

Weil man seelische Leiden lange für Gebrechen des Körpers hielt, suchte das 20. Jahrhundert Antworten über den Körper — mit drastischen Mitteln. Die absichtlich herbeigeführte Fieberkur gegen Syphilis und die Insulinschocktherapie gegen Schizophrenie gehörten dazu. Und die extreme Folge dieses Denkens war die Psychochirurgie.

Die Lobotomie

1935 durchtrennte der portugiesische Neurologe Egas Moniz bei psychisch Kranken Nervenbahnen zwischen dem Stirnlappen und dem übrigen Gehirn. Die Idee klang mechanisch bestechend: Wenn Denken und Fühlen im Gehirn sitzen, müssten gestörte Gedankenbahnen durchschnitten werden können. In den USA perfektionierte der Neurologe Walter Freeman das Verfahren und machte es 1946 zur Sekundenoperation: mit einem augapfelähnlichen „Eispickel“ durch die Augenhöhle in den Stirnlappen. Freeman operierte teilweise in unter zehn Minuten, oft ohne Betäubung durch Narkose, allein mit Stromstößen.

Von 1936 bis in die späten 1950er Jahre wurden in den USA 40.000 bis 50.000 Menschen so behandelt, in Europa mindestens 10.000, überproportional viele Frauen. Ein Teil von ihnen war danach ruhiger — apathisch, antriebslos, verlangsamt oder ohne emotionalen Tiefgang. Viele litten bleibend. Manche starben an der Operation. 1949 zeichnete das Nobelkomitee Moniz für „die Entdeckung des therapeutischen Werts der Leukotomie“ aus. Erst 1950 verbot die Sowjetunion das Verfahren, danach folgte der Westen — beschleunigt durch das 1952 eingeführte Antipsychotikum Chlorpromazin, das eine wirksamere und weniger Zerstörung anrichtende Alternative bot.

Heute gilt die Lobotomie als Mahnmal. Der Nobelpreis für Moniz ist ein Beleg dafür, dass selbst die höchste wissenschaftliche Ehrung nicht vor Irrtümern schützt. Ein sehr seltener Rest ist geblieben: die stereotaktische Zingulotomie bei schwersten, sonst unbehandelbaren Zwangsstörungen — millimeterkleine, gezielte Eingriffe statt großer Durchtrennungen. Der Unterschied zwischen beiden ist derselbe wie zwischen Aderlass und therapeutischer Blutentnahme: nicht das Werkzeug allein, sondern die Frage, wofür und bei wem.

Der Insulinschock

1933 meldete der Wiener Psychiater Manfred Sakel eine eigentümliche Beobachtung: Insulin, das bei einem Diabetiker und Morphinabhängigen versehentlich einen Schock ausgelöst hatte, schien dessen Beschwerden zu bessern. Daraus entwickelte er eine Therapie der Schizophrenie, bei der Patienten über Stunden in ein künstliches Unterzuckerungskoma versetzt wurden — fünf- bis sechsmal pro Woche, oft ein halbes Jahr lang. Sorgfältig überwacht, konnte das Koma mit Traubenzucker beendet werden. Trotzdem war es ein Hochrisikoeingriff: Koma, Krämpfe, bleibende Hirnschäden und Todesfälle waren reale Gefahren.

Der Erfolg wurde mit beeindruckenden Zahlen beworben: Sakel selbst sprach von 70 Prozent Vollremissionen. Überzeugend waren die Zahlen nicht, denn sie stammten aus Reihen vor und nach der Einführung, ohne Kontrollgruppe. Vergleichsstudien, die Patienten zufällig der Insulinbehandlung oder einer Barbiturat-Narkose zuteilten, fanden später keinen Unterschied. In den 1950er Jahren widerlegten die ersten randomisierten Studien in der Psychiatrie den Nutzen; mit dem Aufkommen der Neuroleptika verschwand die Methode in den 1960er Jahren fast lautlos aus der Klinik.

Bemerkenswert ist das Insulin selbst. Derselbe Stoff verwandelte wenige Jahre zuvor den Diabetes aus einer tödlichen in eine behandelbare Erkrankung. Frederick Banting und Charles Best erhielten dafür 1923 den Nobelpreis. Nicht die Substanz war das Problem, sondern die Indikation.

Der Überblick, damals und heute

IrrtumDamalige BegründungHeutiger Blick
Aderlass gegen fast alleszu viel Blut stört das Säftegleichgewichtnur bei Blutkranken wie Polycythaemia vera oder Hämochromatose anerkannt
Quecksilber gegen Syphilisaustreibende „Giftmedizin“ersetzt durch Antibiotika; Quecksilber ist Nervengift
Lobotomiegestörte Stirnlappenbahnen durchtrennenverlassen; nur seltene, gezielte Psychochirurgie bleibt
InsulinschockSchock „erschüttert“ die Psychosein kontrollierten Studien nicht überlegen; aufgegeben
TrepanationDruck und böse Geister entweichen lassenheute nur neurochirurgisch bei Blutungen, Druck oder Tumoren

Wie die Medizin zur Wissenschaft wurde

Der Umschwung kam nicht von einer Person, sondern aus mehreren Richtungen, die sich über Jahrhunderte gegenseitig vorantrieben.

  • Anatomie: 1543 legte Andreas Vesalius mit De humani corporis fabrica die erste genaue Karte des Körpers vor, korrigierte Galen und machte das Sezieren zur Grundlage des Wissens.
  • Physiologie: 1628 bewies William Harvey, dass das Herz Blut im Kreislauf pumpt. Damit brach die Galensche Vorstellung vom ständigen Neuentstehen des Blutes — und eine der Grundlagen des Aderlasses.
  • Pathologie und Krankenhaus: Ab dem 18. Jahrhundert wurden Krankheiten zunehmend am toten Körper auffindbar; 1816 erfand René Laennec das Stethoskop. Diagnose hieß nun nicht mehr, den Säftezustand zu erraten, sondern ein Organ zu finden.
  • Hygiene: 1847 senkte Ignaz Semmelweis durch Händewaschen mit Chlorkalk die Müttersterblichkeit im Wiener Kreißsaal von zeitweise fast 18 auf rund 2 Prozent. Seine Kollegen glaubten ihm nicht, er starb verbittert in einer Anstalt. Der Fall steht bis heute dafür, dass ein Beweis allein nicht genügt, wenn er unbequem ist.
  • Epidemiologie: 1854 zeichnete John Snow die Cholerafälle von London auf einer Karte ein und fand die gemeinsame Wasserpumpe — lange vor dem Nachweis des Erregers.
  • Bakteriologie: Louis Pasteur und Robert Koch wiesen ab den 1860er Jahren nach, dass Infektionen durch Mikroorganismen entstehen. Kochs Postulate gaben der Medizin erstmals ein strenges Verfahren, einem Erreger eine Krankheit zuzuordnen.
  • Narkose und Antisepsis: 1846 wurde in Boston erstmals öffentlich mit Ether narkotisiert, 1867 führte Joseph Lister die Wundantisepsis ein. Schmerz und Infektion — zwei größte Geißeln der Chirurgie — wurden beherrschbar.
  • Bildgebung und Arznei: 1895 entdeckte Wilhelm Röntgen die Röntgenstrahlen, 1928 bemerkte Alexander Fleming die antibiotische Wirkung des Penicillins, das in den 1940er Jahren industriell verfügbar wurde.
  • Ausbildungsreform: Der 1910 veröffentlichte Flexner-Report in den USA entzog zahllosen schlechten Medizinschulen die Grundlage und band die Ausbildung an Naturwissenschaft und Krankenhaus.
  • Kontrollierte Studie und Leitlinie: 1948 verglich Austin Bradford Hill die Tuberkulosebehandlung mit Streptomycin erstmals streng randomisiert. Ab den 1970er Jahren etablierten Cochrane, Sackett und andere die evidenzbasierte Medizin: Nicht Erfahrung und Autorität, sondern systematisch zusammengetragene, kontrollierte Befunde sollen entscheiden.

Der gemeinsame Nenner ist einfach: Die Medizin hörte auf, eine Glaubenslehre zu sein, und wurde eine Methode. Sie erlaubt Irrtümer, weil sie Wege erfunden hat, sie loszuwerden — Kontrolle, Verblindung, Nachvollziehbarkeit, Replikation.

Wie die Naturheilkunde in den Hintergrund trat

Die Geschichte ist zweischneidig, und es lohnt, beide Seiten zu benennen.

Zu Recht kritisiert wurde, dass viele naturheilkundliche Lehren auf unbewiesenen Systemen beruhten. Die von Lorenz Gleich um 1850 geprägte „Lehre vom Naturinstinkt“ erklärte die Naturerkenntnis für unmittelbar, nicht für prüfbar, und stellte sie gegen die Wissenschaft. Die frühe Homöopathie und die Signaturenlehre, nach der die Ähnlichkeit einer Pflanze mit einem Organ dessen Heilmittel verrät, waren nicht überprüfbar. Manche Naturheiler waren ehrlich Suchende, andere gefährliche Scharlatane, und für Kranke war der Unterschied nicht erkennbar.

Zu Unrecht verdrängt wurde dagegen, dass die akademische Medizin die Naturheilkunde nicht nur inhaltlich angriff, sondern auch standespolitisch. Ärztetage forderten ein Verbot der „Kurpfuscherei“, approbierte Ärzte sollten Naturheiler aus der Kassenversorgung drängen, und ein eigener Lehrstuhl für Naturheilkunde kam nie zustande. Wirtschaftliche Interessen spielten ebenfalls: Kräuter und Wasserlassen sich nicht patentieren, ein ganzes Industrie- und Kassensystem dagegen schon. Und viele naturheilkundliche Verfahren wurden nicht widerlegt, sondern gar nicht erst geprüft — bis sie Jahrzehnte später von der Wissenschaft eingeholt wurden.

Denn ein Teil der Volksmedizin war empirisch richtig, nur ohne Theorie. Weidenrinde enthält Salicin, den Vorläufer des Aspirins; der Fingerhut liefert Digitalis für das kranke Herz; Colchicin aus der Herbstzeitlose behandelt die Gicht. Das waren Erfahrungen, die die Naturheilkunde konservierte und die die akademische Medizin später aufnahm — teils mit Verachtung, teils mit Gewinn.

Die Rückkehr auf Umwegen

Heute ist das Verhältnis nicht mehr das von 1880. Die Heilkunde, die einst als Gegensatz galt, wird in Teilen integriert: Die Europäische Arzneimittelagentur prüft pflanzliche Arzneimittel in eigenen Monographien nach denselben Maßstäben wie synthetische Medikamente. Die Phytotherapie ist in Deutschland ein anerkanntes Fach. Cochrane, die oberste Instanz der Evidenzbewertung, prüft auch Johanniskraut, Ingwer oder Akupunktur. Die moderne Medizin hat sich sogar einige Konsequenzen der alten Naturheilkunde zu eigen gemacht, etwa die Bedeutung von Bewegung, Ernährung, Schlaf und seelischer Balance.

Wo das hinführt, ist differenziert. Für vieles gibt es inzwischen gute Belege, für manches, etwa viele Angebote der klassischen Homöopathie, weiterhin nichts über den Placeboeffekt hinaus. Die ehrliche Konsequenz daraus ist ambivalent: Wirkung lässt sich nachweisen oder eben nicht — unabhängig davon, ob eine Methode einen langen Traditionshintergrund hat. Genau diese nüchterne Regel fehlte in beiden Lagern.

Wie wir heute darüber denken

Die moderne Medizin schaut auf ihre Vergangenheit mit einer Mischung aus Erleichterung und Schrecken. Erleichterung, weil vieles heute heilbar ist, was Generationen davor tötete. Schrecken, weil dieselbe Bewegung, die den Aderlass überwand, aus eigener Kraft neue Fehler hervorbringt. Genau das ist der Punkt, den die Medizingeschichte lehrt: Irrationalität verschwindet nicht, sie wechselt die Form.

Auch die heutige Medizin kennt Behandlungen, die im Rückblick falsch erscheinen könnten. Antibiotika werden dort eingesetzt, wo sie nichts nützen, und treiben Resistenzen voran. Patienten bekommen oft mehr Untersuchungen und Medikamente, als der Nutzen rechtfertigt. Publikationsverzerrung bevorzugt positive Ergebnisse, Interessenkonflikte fließen in Studien und Leitlinien. Und der berühmte Satz primum non nocere — zuerst einmal nicht schaden — war nie eine Selbstverständlichkeit, sondern eine ständige Aufgabe.

Wo Medizin und Geld aufeinandertreffen, kann aus dem Irrtum Absicht werden. Contergan wurde 1957 als besonders sicheres Schlaf- und Beruhigungsmittel beworben, rezeptfrei und auch für Schwangere. 1961 wurde es zurückgezogen — weltweit kamen rund 5.000 bis 10.000 Kinder mit schweren Fehlbildungen zur Welt, obwohl dem Hersteller zu diesem Zeitpunkt bereits über tausend Warnungen vorlagen. Dass die USA weitgehend verschont blieben, lag an einer einzelnen Beamtin, der Pharmakologin Frances Kelsey, die die Zulassung mit Verweis auf fehlende Daten verweigerte und sich dabei gegen den Druck der Firma und ihrer Fürsprecher durchsetzte. Aus dem Skandal entstand 1962 die Pflicht, vor der Zulassung eines Medikaments die Wirksamkeit in kontrollierten Studien nachzuweisen. Die nächste Katastrophe folgte trotzdem: Das Schmerzmittel Vioxx kam 1999 auf den Markt und musste 2004 wegen Herzinfarkten und Schlaganfällen zurückgezogen werden; FDA-Wissenschaftler schätzten später 88.000 bis 140.000 zusätzliche schwere Koronarereignisse allein in den USA. Und in der Opioidkrise überschwemmte OxyContin den Markt, das Verschreiben wurde mit Anreizen befeuert, und zwischen 1999 und 2019 starben in den USA fast eine halbe Million Menschen an einer Überdosis; der Hersteller Purdue Pharma wurde 2020 zu mehr als fünf Milliarden Dollar verurteilt. Diese Fälle erinnern daran, dass nicht jede medizinische Katastrophe aus Unwissenheit entsteht.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wo der Gewinn die Forschung bezahlt, braucht es unabhängige Zulassung, Transparenz und Gegenmacht — dieselben Schutzwälle, die der alten Medizin fehlten. Dieselbe Rechnung hat eine Kehrseite: Eine kontrollierte Studie kostet oft viele Millionen Euro, und finanziert wird sie überwiegend von der Industrie, die ihre Wirkstoffe patentieren lassen will. Für nicht patentierbare Naturheilmittel fehlt dieser Anreiz, deshalb werden sie deutlich seltener geprüft — was aber nicht heißt, dass sie nicht wirken.

Der Unterschied zu 1799 ist nicht, dass Ärzte heute klüger wären. Der Unterschied ist, dass die Medizin Institutionen geschaffen hat, die sich selbst misstrauen: kontrollierte Studien, systematische Übersichtsarbeiten, unabhängige Zulassungsbehörden, Replikationsversuche und nicht zuletzt die Möglichkeit, dass sich Fachleute öffentlich widersprechen. Der Aderlass konnte jahrhundertelang überleben, weil niemand zählte. Die Lobotomie verschwand binnen eines Jahrzehnts, weil jemand es tat.

Und noch etwas zeigt der Rückblick: Es wäre kurzsichtig, die Naturheilkunde als bloßes Aberglauben-Kapitel abzutun. Sie hielt Beobachtungen fest, die die Wissenschaft später bestätigte, und sie erinnerte die akademische Medizin daran, dass der kranke Mensch mehr ist als sein Organbefund. Beides — die empirische Prüfung und der Blick auf den ganzen Menschen — gehört zu einer Heilkunst, die sich ihrer Irrtümer bewusst bleibt.

Fazit

George Washingtons Ärzte wollten nichts Böses. Sie folgten der besten damals verfügbaren Lehre und töteten ihn womöglich damit. Der Aderlass, das Quecksilber, die Lobotomie und der Insulinschock waren keine Ausfälle der Vernunft, sondern deren konsequente Anwendung auf falschem Fundament. Was die Medizin rettete, war kein Genie, sondern eine Gewohnheit: zu messen, zu vergleichen und sich selbst zu widersprechen.

Der Weg von der hippokratischen Säftelehre zur randomisierten Studie dauerte fast zweieinhalbtausend Jahre. Er verlief nicht gerade, sondern durch Irrtümer. Die Naturheilkunde wurde auf diesem Weg teils berechtigt kritisiert, teils aus Standes- und Marktinteressen an den Rand gedrängt — und kehrt, was heute belastbar ist, auf Umwegen in die Medizin zurück. Das eigentliche Vermächtnis der Geschichte ist damit keine Sammlung von Kuriositäten. Es ist eine Haltung: bescheiden gegenüber dem eigenen Wissen und misstrauisch gegenüber jeder Autorität, die sich nicht prüfen lassen will.

Quellen

Quiz

Teste dein Wissen

Frage 1 von 3

  1. Wer prüfte den Aderlass erstmals durch Zählen und Vergleichen?

Zurück zu allen Beiträgen

Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte/Therapeuten.
Die Inhalte von veravonpetzinger.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen.