2015
erhielt Tu Youyou den Medizin-Nobelpreis für ihre Rolle bei der Entdeckung des Artemisinin
< 20 %
einer 500-mg-Artemisinin-Dosis setzt ein Liter Tee aus stark artemisinhaltigem Blatt höchstens frei
bis 5 lpro Tag
müsste man trinken, um auf die Wirkstoffdosis einer Tablette zu kommen – mindestens sieben Tage lang
3 Tage
umfasst eine Artemisinin-Kombinationstherapie: drei Tage Artemisinin-Derivat plus Partnerwirkstoff
Unter den Heilpflanzen nimmt Artemisia annua eine Sonderstellung ein: Sie liefert einen der wichtigsten Arzneistoffe der Gegenwart. Und sie zeigt wie kaum eine zweite, dass daraus nicht folgt, dass die Pflanze selbst das Mittel ist.
Der Einjährige Beifuß ist die Pflanze hinter dem Artemisinin. Aus ihr wird der Wirkstoff der wirksamsten Malaria-Medikamente gewonnen. Er hat Millionen Leben gerettet und 2015 einen Nobelpreis eingebracht. Genau deshalb ist es so verlockend, die Pflanze zur Therapie zu erklären – Tee, Kapseln, getrocknete Blätter. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tut das Gegenteil: Sie rät ausdrücklich davon ab, Artemisia-Pflanzenmaterial zur Malaria-Behandlung oder -Vorbeugung zu verwenden. Dieser Widerspruch ist kein Widerspruch, wenn man die Biologie und die Dosis auseinanderhält.
Die Pflanze
Artemisia annua L. – deutsch Einjähriger Beifuß, englisch sweet wormwood, chinesisch Qinghao – ist ein einjähriges Kraut aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Es stammt aus China und wird heute in vielen tropischen und subtropischen Ländern kultiviert. Arzneilich genutzt werden die getrockneten Blätter und blühenden Triebe.
Zu den Inhaltsstoffen zählen ein ätherisches Öl, Flavonoide und Phenolsäuren. Die pharmakologisch entscheidende Verbindung ist jedoch ein Sesquiterpenlacton mit einer ungewöhnlichen Endoperoxidbrücke: Artemisinin.
Sein Gehalt in der Pflanze ist keine feste Größe, sondern schwankt erheblich – je nach Sorte, Herkunft, Erntezeitpunkt, Erntegut, Trocknung und Lagerung. Diese Schwankung ist kein Detail am Rande. Sie ist der Grund, warum dieselbe Pflanze ein zuverlässiges Arzneimittel und einen unzuverlässigen Tee ergeben kann.
Die Entdeckung
Ende der 1960er-Jahre war das wirksamste Malariamittel, Chloroquin, vielerorts unwirksam geworden, weil die Erreger resistent waren. In China lief während des Vietnamkriegs ein geheimes Forschungsprogramm zur Suche nach neuen Antimalariamitteln. Es hieß nach seinem Startdatum Projekt 523 (23. Mai 1967). 1969 übernahm die Pharmakologin Tu Youyou die Leitung einer Arbeitsgruppe am Institut für Chinesische Materia Medica in Peking.
Ihr Auftrag war, unter traditionellen Heilmitteln nach antimalarisch wirksamen Substanzen zu suchen. Sie sichtete Tausende Rezepte und prüfte Extrakte aus rund 200 Pflanzen – zunächst weitgehend ohne Erfolg. Auch Auszüge aus Qinghao wirkten im Tierversuch nur unzuverlässig.
Die Wende kam über einen alten Text. Im Handbuch für Notfallrezepte des Arztes Ge Hong aus dem vierten Jahrhundert stand ein Rezept, das Qinghao in kaltem Wasser auszog statt wie üblich auszukochen. Tu Youyou schloss daraus, dass die Hitze den wirksamen Bestandteil zerstört haben könnte, und änderte die Extraktion: Sie verwendete ein niedrig siedendes Lösungsmittel und trennte saure von neutralen Anteilen. Am 4. Oktober 1971 hemmte der neutrale Extrakt (Probe 191) das Wachstum der Malaria-Erreger bei Mäusen vollständig. Bis die reine, farblose Substanz isoliert war, vergingen weitere Monate; 1972 wurde sie Artemisinin genannt. Die Strukturaufklärung als Sesquiterpenlacton folgte 1975.
Das Medikament entstand nicht als Tee. Es entstand als isolierte, definierte Verbindung – und die ersten Tests am Menschen unternahm das Team an sich selbst, bevor es malariaerkrankte Patienten behandelte.
Für die Entdeckung des Artemisinin erhielt Tu Youyou 2015 die eine Hälfte des Medizin-Nobelpreises; die andere Hälfte ging an William C. Campbell und Satoshi Ōmura für einen ebenfalls aus Mikroorganismen stammenden Wirkstoff. Dass die Auszeichnung an eine einzelne Person ging, ist nicht unumstritten: An der Erforschung waren viele Institute beteiligt.
Vom Molekül zum Medikament
Artemisinin allein ist kein ideales Medikament. Es ist schlecht wasserlöslich, wird schnell abgebaut und die Aufnahme schwankt. Deshalb wurden Derivate entwickelt: Artesunat, Artemether, Arteether und Dihydroartemisinin. Sie sind besser verfügbar und wirken zuverlässiger.
Der zweite Schritt war ebenso wichtig. Ein Artemisinin-Derivat allein – eine Monotherapie – überlässt es dem Erreger, sich an einen einzelnen Wirkstoff zu gewöhnen. Deshalb kombiniert man es mit einem Partnerwirkstoff, der über einen anderen Mechanismus angreift. Diese Artemisinin-basierten Kombinationstherapien (ACT) sind die Erstlinientherapie der unkomplizierten Malaria tropica. Die WHO nennt unter anderem Artemether-Lumefantrin, Artesunat-Amodiaquin, Artesunat-Mefloquin, Dihydroartemisinin-Piperaquin und Artesunat-Pyronaridin. Eine Behandlung umfasst immer drei Tage mit einem Artemisinin-Derivat.
Bei der schweren Malaria, die ohne Behandlung tödlich verläuft, ist Artesunat als Infusion oder Spritze das Mittel der Wahl. Es senkt die Sterblichkeit stärker als die früheren Alternativen. Dass ein Arzneimittel so zuverlässig wirkt, liegt daran, dass die Dosis exakt bekannt ist.
Wie Artemisinin den Parasiten tötet, ist im Detail noch nicht vollständig geklärt. Als gesichert gilt die Rolle der Endoperoxidbrücke: Im sauren Milieu und unter Einwirkung von Eisen – das der Parasit beim Verdauen des Hämoglobins freisetzt – zerfällt sie und bildet reaktive Bruchstücke, die zahlreiche Eiweiße des Erregers schädigen. Dieser Mechanismus ist einer der Gründe, warum eine ausreichende, definierte Dosis so wichtig ist.
Seit 2007 fordert die Weltgesundheitsversammlung (Resolution WHA60.18), orale Artemisinin-Monotherapien vom Markt zu nehmen und durch Kombinationstherapien zu ersetzen – gerade um den Wirkstoff vor Resistenzen zu schützen. In Teilen Südostasiens ist partielle Artemisinin-Resistenz inzwischen Realität.
Warum die Pflanze kein Malaria-Mittel ist
Vor diesem Hintergrund wird die WHO-Position verständlich. Ihre zentrale Aussage lautet: Die WHO unterstützt die Bewerbung oder Anwendung von Artemisia-Pflanzenmaterial in jeglicher Form – Tee, Kapseln, Tabletten – zur Vorbeugung oder Behandlung von Malaria nicht. Die Begründung ist keine Abneigung gegen Pflanzen, sondern eine Frage der Dosis.
- Der Gehalt schwankt zu stark. Genetik, Erntezeitpunkt, verwendeter Pflanzenteil, Trocknung und Lagerung verändern die Artemisinin-Menge. Bei Anbau im Haushalt oder in kleinem Maßstab lässt sich die nötige Qualitätskontrolle nicht gewährleisten.
- Der Tee liefert zu wenig. Artemisinin ist schlecht wasserlöslich und hitzeempfindlich. Ein Liter Tee aus stark artemisinhaltigem Blatt setzt nach WHO-Angaben weniger als ein Fünftel der Wirkstoffmenge einer 500-mg-Tablette frei. Um auf eine wirksame Dosis zu kommen, müsste man bis zu fünf Liter Tee pro Tag trinken – mindestens sieben Tage lang. Das ist praktisch nicht durchzuhalten.
- Zu niedrige Dosen richten Schaden an. Fällt die Wirkstoffkonzentration zu niedrig aus, kann der Erreger überleben und sich an den Wirkstoff gewöhnen. Die Folge wäre eine Resistenz gegenüber einem Medikament, das bei schwerer Malaria über Leben und Tod entscheidet.
- Die klinischen Befunde sind ernüchternd. In einer kontrollierten Studie in der Demokratischen Republik Kongo kehrten die Parasiten bei der Mehrheit der mit Tee behandelten Patienten innerhalb von 35 Tagen zurück, deutlich häufiger als in der Vergleichsgruppe mit einem Standardmedikament. Die Autoren schlossen, dass eine Tee-Monotherapie zur Malaria-Behandlung nicht empfohlen werden kann.
- Artemisinin taugt nicht zur Vorbeugung. Es wird im Körper schnell abgebaut und erreicht keine dauerhaft schützenden Spiegel.
- Malaria tötet. Eine verspätete oder unwirksame Behandlung ist bei dieser Erkrankung gefährlich, besonders für kleine Kinder. Die wirksamen Kombinationstherapien sind verfügbar und erschwinglich.
Hinzu kommt eine Verwechslung: Nicht jede Artemisia-Art enthält Artemisinin. Artemisia afra etwa enthält keines. Ein Produkt, das „Artemisia“ heißt, ist deshalb noch kein Malariamittel.
Was der Fall über Heilpflanzen sagt
Der Fall Artemisia annua ist keine Geschichte gegen die Pflanze. Er ist eine Geschichte über die Dosis.
Die Pflanze ist die Quelle eines lebensrettenden Wirkstoffs – darin steckt ihre Bedeutung. Was die Therapie zuverlässig macht, ist aber nicht die Pflanze als solche, sondern der definierte Gehalt eines isolierten Moleküls. Unstandardisiertes Pflanzenmaterial und ein standardisiertes Arzneimittel können daher dieselbe Herkunft haben und dennoch völlig verschiedene Dinge sein. Der Unterschied heißt nicht „natürlich gegen synthetisch“ – Artemisinin stammt aus der Pflanze –, sondern „definierte Dosis gegen unbekannte Dosis“.
Und es ist kein Zufall, dass der entscheidende Hinweis aus einem alten Text kam. Traditionelles Wissen kann ein wertvoller Ausgangspunkt sein. Es ist aber kein Wirksamkeitsnachweis; den erbringt erst die kontrollierte Prüfung.
Fazit
Artemisia annua liefert den Ausgangsstoff für die wichtigsten Malaria-Medikamente der Gegenwart. Der Nobelpreis von 2015 gilt dieser Entdeckung – dem isolierten Wirkstoff und seiner klinischen Anwendung, nicht dem Tee. Die Pflanze selbst ist kein verlässliches Arzneimittel: Ihr Wirkstoffgehalt schwankt, eine wässrige Zubereitung liefert zu wenig davon, und subtherapeutische Dosen könnten den wertvollen Wirkstoff durch Resistenzbildung entwerten.
Die Regel, die daraus folgt, ist nüchtern und gilt über diesen Fall hinaus: Ob eine Pflanze hilft, entscheidet nicht ihre Tradition und nicht ihr Ruf, sondern die Menge des wirksamen Stoffs, die tatsächlich im Körper ankommt. Genau daran scheitert der Tee – und genau darin liegt die Leistung des Arzneimittels.
Quellen
- World Health Organization, The use of non-pharmaceutical forms of Artemisia (WHO/CDS/GMP/2019.14), Genf 2019 — WHO unterstützt die Anwendung von Artemisia-Pflanzenmaterial zur Malaria-Behandlung und -Vorbeugung nicht; Begründung über Gehaltsschwankungen, subtherapeutische Dosen und Resistenzrisiko; Zusammenfassung der klinischen Studie aus der Demokratischen Republik Kongo
- World Health Organization, Effectiveness of Non-Pharmaceutical Forms of Artemisia annua L. against malaria (WHO/HTM/GMP/2012.07), Genf 2012 — ein Liter Tee setzt weniger als 20 Prozent einer 500-mg-Artemisinin-Dosis frei; für eine wirksame Dosis wären bis zu fünf Liter täglich über mindestens sieben Tage nötig
- World Health Organization, WHO guidelines for malaria, laufend aktualisiert (Stand: 13. August 2025) — Artemisinin-basierte Kombinationstherapien als Erstlinientherapie der unkomplizierten Malaria tropica; drei Tage Artemisinin-Derivat; intravenöses oder intramuskuläres Artesunat bei schwerer Malaria
- World Health Organization, The use of non-pharmaceutical forms of Artemisia, Meldung vom 10. Oktober 2019 — Zusammenfassung der WHO-Position; WHA60.18 von 2007 zur Rücknahme oraler Artemisinin-Monotherapien
- Tu Y, The discovery of artemisinin (qinghaosu) and gifts from Chinese medicine, Nature Medicine 2011;17(10):1217–1220 — Projekt 523, Ge Hongs Rezept, schonende Extraktion, Isolierung und Struktur des Artemisinin, Dihydroartemisinin
- Nobel Prize Outreach, Tu Youyou – Biographical und The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2015, NobelPrize.org — Projekt 523, Probe 191 vom 4. Oktober 1971, Isolierung 1972; Nobelpreis 2015 an Tu Youyou (hälftig) sowie William C. Campbell und Satoshi Ōmura
- Su X-z, Miller LH, The discovery of artemisinin and Nobel Prize in Physiology or Medicine, Science China Life Sciences 2015;58(11):1175–1179 — Ablauf des Projekts 523 und Einordnung der Beteiligten
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Frage 1 von 3
Was steckt in den zugelassenen Malaria-Medikamenten, die auf Artemisia annua zurückgehen?
Das Arzneimittel enthält nicht die Pflanze, sondern Artemisinin-Derivate wie Artesunat, Artemether oder Dihydroartemisinin – kombiniert mit einem Partnerwirkstoff, damit der Erreger nicht so leicht resistent wird.
Warum rät die WHO von Tee und anderen Zubereitungen aus Artemisia annua zur Malaria-Behandlung ab?
Sorte, Herkunft, Erntezeitpunkt, Trocknung und Zubereitung bestimmen den Gehalt. Ein Liter Tee setzt oft weniger als ein Fünftel einer Tabletten-Dosis frei – zu wenig zum Heilen, aber genug, um den Erreger an den Wirkstoff zu gewöhnen.
Was brachte Tu Youyou bei der Suche nach dem Wirkstoff auf die entscheidende Spur?
Ge Hongs Rezept, Qinghao in kaltem Wasser auszuziehen, legte nahe, dass die übliche Hitze den Wirkstoff zerstört. Die schonende Extraktion mit Äther führte am 4. Oktober 1971 zu Probe 191.
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