Risiken einer fettarmen Ernährung

Fettarme Ernährung gilt als gesund. Doch ohne Fett fehlen fettlösliche Vitamine, Hormone geraten aus dem Gleichgewicht und die Gallenblase leidet. Was du über gute Fette wissen solltest.

Jahrzehntelang war die Botschaft klar: Fett macht fett, Fett macht krank. Fettarme Produkte füllen ganze Supermarktregale, und viele Menschen schneiden Fett aus ihrer Ernährung, ohne zu ahnen, was ihr Körper dafür bezahlt. Die Forschung hat diese Angst längst widerlegt. Fett ist kein Schädling, sondern ein Baustoff. Nur eine Fettart ist wirklich schädlich, und das sind Transfettsäuren aus industriell gehärteten Ölen, wie sie in Frittierfett, Fertiggebäck und manchen Margarinen stecken.

Ein genereller Fettverzicht dagegen schadet. Hier sind die wichtigsten Gründe.

Ohne Fett keine fettlöslichen Vitamine

Die Vitamine A, D, E und K sind fettlöslich. Das heißt nicht nur, dass sie in fetthaltigen Lebensmitteln stecken. Es heißt auch, dass dein Körper sie nur aufnehmen kann, wenn gleichzeitig Fett im Darm ankommt.

Ein Salat mit fettfreiem Dressing liefert theoretisch viel Beta-Carotin, also Vorstufe von Vitamin A. Praktisch kommt kaum etwas an. Studien zeigen, dass die Aufnahme von Carotinen ohne Fettbeimischung drastisch sinkt. Das gleiche gilt für Vitamin D und Vitamin K.

Diese Vitamine sind keine Kür. Vitamin A braucht die Haut und die Sehkraft, Vitamin D steuert Immunsystem und Knochenstoffwechsel, Vitamin E schützt die Zellmembranen vor Oxidation, Vitamin K sorgt dafür, dass Calcium in den Knochen und nicht in die Gefäßwand eingebaut wird. Wer jahrelang fettarm isst, kann eine solide Zufuhr über die Nahrung haben und trotzdem mangelversorgt sein.

Hormone brauchen Fett

Cholesterin klingt nach Herzinfarkt, ist aber zuerst einmal der Rohstoff für deine Sexualhormone, für Cortisol und für Vitamin D. Testosteron, Östrogen und Progesteron entstehen aus Cholesterin.

Bei einer extrem fettarmen Ernährung, also unter etwa 20 % der Gesamtenergie, sinken bei Frauen und Männern messbar die Sexualhormonspiegel. Bei Sportlerinnen ist das als relative Energiedefizienz im Sport bekannt. Der Zyklus fällt aus, die Knochendichte leidet, die Fruchtbarkeit sinkt. Auch Libido, Stimmung und Muskelaufbau hängen an ausreichender Fettzufuhr.

Zudem brauchen Hormone nicht nur einen Rohstoff, sondern auch Transportmittel. Sexualhormone werden an Proteine gebunden transportiert, und die membrangebundenen Rezeptoren, an die diese Andocken, bestehen selbst aus Fettsäuren. Ein Körper ohne Fett ist ein Körper mit nervösen Signalketten.

Die Gallenblase gerät in den Stillstand

Die Gallenblase speichert Gallenflüssigkeit, die bei der Verdauung von Fett in den Darm abgegeben wird. Kommt wenig bis gar kein Fett an, bleibt die Gallenflüssigkeit liegen, konzentriert sich, und Cholesterin kann auskristallisieren.

Das Paradoxe: Gallensteine sind eine typische Folge von Diäten mit starkem Fettverzicht oder sehr schnellem Gewichtsverlust. Gerade die Menschen, die fettarm essen, um gesund und schlank zu werden, erhöhen damit ihr Steinbildungsrisiko. Regelmäßige Fettmahlzeiten halten die Gallenblase in Bewegung und beugen dem vor.

Das Immunsystem hungert

Ein großer Teil des Immunsystems sitzt im Darm und arbeitet an den Grenzflächen, an denen Fett ankommt. Mehrere Mechanismen hängen direkt an der Fettzufuhr:

Die fettlöslichen Vitamine A und D sind starke Immunregulatoren. Vitamin A erhält die Schleimhäute, die erste Barriere gegen Erreger. Vitamin D kalibriert die Immunantwort, ein Mangel ist mit erhöhten Autoimmun- und Infektrisiken verbunden.

Darüber hinaus sind die Zellmembranen aller Immunzellen aus Fettsäuren gebaut. Was du isst, bestimmt, wie flexibel und signalbereit diese Membranen sind. Und die regulatorischen Botenstoffe, die Entzündungen beenden, werden aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren gebaut, vor allem aus Omega-3.

Verdauung und Sättigung leiden

Fett verlangsamt die Magenentleerung und sorgt so für ein langanhaltendes Sättigungsgefühl. Eine fettarme Mahlzeit rast durch den Verdauungstrakt, der Blutzucker schießt hoch und fällt schnell wieder ab. Zwei Stunden später knurrt der Magen schon wieder.

Zudem fehlt Fett als Geschmacksträger. Fettarme Fertigprodukte kompensieren das mit Zucker, Stärke und Aromen. Wer wirklich fettarm isst, isst oft weniger Gemüse und Salat, weil diese ohne Öl schlicht nicht schmecken und ohne Fett kaum Vitamine abgeben.

Heißhunger, Weißmehl und die vertauschte Baustelle

Das ist der Punkt, an dem die fettarme Logik kippt. Wer Fett meidet, ersetzt es fast immer durch Kohlenhydrate, und zwar durch die ungünstigsten: Weißbrot, Nudeln aus Weißmehl, fettarme Kekse, Müsliriegel, Fruchtsäfte. Die Lebensmittelindustrie etikettiert diese Produkte als leicht und gesund.

Der Mechanismus: Weißmehl und Zucker lassen den Blutzucker rasant ansteigen, der Körper schüttet viel Insulin aus, der Blutzucker fällt unter den Ausgangswert, und daraus entsteht Heißhunger. Genau auf das, was diesen Kreislauf weiter antreibt: schnelle Kohlenhydrate.

Das Ergebnis ist oft das Gegenteil des Ziels. Kalorien kommen in großer Menge herein, aber in Form von Zuckerspitzen statt als satt machende Fette. Langfristig fördert dieser Stil Insulinresistenz und Gewichtszunahme. Die amerikanische Nurses' Health Study zeigte über Jahrzehnte, dass eine moderate Fettaufnahme mit vielen ungesättigten Fettsäuren nicht dick macht, sondern mit stabilerem Gewicht verbunden war als eine Ernährung mit viel Weißmehl und Zucker.

Fett war also nie das Problem, als das es die Fettphobie dargestellt hat. Die eigentlichen Treiber von Übergewicht sind die raffinierten Kohlenhydrate, vor denen die Aufmerksamkeit so lange abgelenkt wurde.

Die Fette, die dein Körper braucht

Nicht alle Fette sind gleich, aber die gute Nachricht ist einfach: Die natürlich vorkommenden Fette sind überwiegend nützlich.

Gesättigte Fettsäuren aus Kokosöl, Butter oder hochwertigem Fleisch sind stabil beim Erhitzen und liefern Energie. Sie sind kein Teufelszeug, auch wenn alte Empfehlungen das behaupten. Moderate Mengen sind unproblematisch.

Einfach ungesättigte Fettsäuren stecken in Olivenöl, Avocados und Nüssen. Sie sind das Herzstück der mediterranen Ernährung und stehen in großen Studien mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung. Olivenöl kann bedenkenlos täglich verwendet werden.

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind essentiell, der Körper kann sie nicht selbst bilden. Hier liegt der wichtigste Hebel.

Warum Omega-3 so wichtig ist

Omega-3-Fettsäuren verdienen eigene Aufmerksamkeit, weil die westliche Ernährung sie praktisch verdrängt hat. Die drei wichtigsten Vertreter sind ALA, EPA und DHA.

ALA kommt in Leinsamen, Chiasamen und Walnüssen vor. EPA und DHA stecken in fettem Kaltwasserfisch wie Lachs, Hering und Makrele, sowie in Algenöl. Der Körper kann ALA zwar in EPA und DHA umwandeln, aber nur mit einer Effizienz von etwa 5 bis 10 %. Pflanzliche Quellen allein reichen daher selten aus.

EPA und DHA sind keine optionalen Zusatzstoffe, sondern Bausteine. Das Gehirn besteht zu einem erheblichen Teil aus Fett, und DHA ist dort die dominierende Strukturfettsäure. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bestätigt, dass 250 mg EPA und DHA täglich zur normalen Herzfunktion beitragen, die gleiche Menge DHA unterstützt Gehirn und Sehkraft.

Der zweite Baustein ist das Verhältnis. Die westliche Kost liefert ein Vielfaches an Omega-6-Fettsäuren, die in Sonnenblumenöl, Sojaöl und vielen Fertigprodukten stecken. Omega-6 und Omega-3 konkurrieren im Stoffwechsel um die gleichen Enzyme. Ein Verhältnis von weit über 10:1 fördert Entzündungsprozesse, ein Verhältnis um 4:1 oder darunter gilt als günstig. Wer frittierte und industriell verarbeitete Produkte reduziert und regelmäßig fetten Fisch isst, verschiebt dieses Verhältnis in die richtige Richtung, ohne eine einzige Kalorie zu streichen.

Was daraus folgt

Fett zu essen ist keine Sünde, sondern eine Voraussetzung. Dein Körper braucht Fett für Vitaminaufnahme, Hormone, Immunabwehr, Gallenflüssigkeit, Sättigung und Gehirnleistung. Die einzige Fettart, die du konsequent meiden solltest, sind Transfettsäuren aus gehärteten Ölen.

Praktisch heißt das: Olivenöl zum Salat, Butter oder Kokosöl zum Braten, fetter Fisch ein bis zwei Mal pro Woche, Nüsse und Avocados als Snack, Leinsamen ins Müsli. Wer so isst, hat kein Problem mit Fett. Wer Fett meidet, hat das Problem erst.

Wer Medikamente nimmt oder eine Vorerkrankung hat, sollte Änderungen der Ernährung mit seinem Arzt besprechen. Für die große Mehrheit der Menschen ist die Richtung aber klar: Fett gehört auf den Teller, Transfett nicht, und Zucker braucht keine Ersatzberechtigung.

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